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Lage der Politikwissenschaft : Wird die Jugend immer schlimmer?

Davon ist aber nicht nur die jüngere Generation und auch nicht allein die Politikwissenschaft betroffen. Mit der Umstellung der Studiengänge nach der Bologna-Reform wurde ein neuer Typus der Universität aus der Taufe gehoben, der genau jene Entwicklung begünstigte, die Jesse und Decker kritisieren: eine flächendeckende Standardisierung - die, was die Autoren nicht so deutlich sagen, in vielen Fällen zu einer drastischen Absenkung des intellektuellen Niveaus geführt hat - und gleichzeitig ein hoher Grad an Spezialisierung, und das schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt des Studiums. Das sind aber keine Probleme, die auf den Zustand der gegenwärtigen Politikwissenschaft zurückzuführen sind, sondern Anzeichen einer generellen Transformation der Universität, von der nahezu alle Geistes- und Sozialwissenschaften betroffen sind. Den Anstoß dafür haben jedoch nicht die Jungen gegeben, sondern die, die sich heute zur älteren Generation zählen.

Der Wahn steckt im System

Der akademische Mittelbau ist heute einem Druck ausgesetzt, von dem sich die ältere Generation womöglich keine rechte Vorstellung machen kann. Die Stellen sind rar, die Mittel knapp, die zumeist nur kurz befristeten Verträge für jeden eine Belastung. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz ist für viele der drohende Genickbruch. Hat man innerhalb von zwölf Jahren befristeter Anstellung an der Universität keine Professur bekommen - was schon rein statistisch gesehen nicht unwahrscheinlich ist -, fällt man in aller Regel aus dem System. Diese Rahmenbedingungen bringen es mit sich, dass ein unverhältnismäßig hoher Arbeitsaufwand betrieben wird, um im universitären Bewerbungsmarathon ein kleines bisschen mehr Sicherheit zu erlangen. Ein Belohnungssystem gibt es hier nicht; man kann seine Arbeit noch so gut machen, eine Stelle ist trotzdem nicht sicher.

Was ist also die nächstliegende Reaktion? Der Nachwuchs tut, was das System von ihm verlangt - er orientiert sich an den drei Leitmotiven des zeitgemäßen Wissenschaftlertypus: Publikationswahn, Tagungswahn, Rankingwahn. Würde man diesem Wahn nicht verfallen, das wird dem Nachwuchs bei jeder Gelegenheit eingeimpft - und zwar von der älteren Generation -, hat man nicht nur wenig, sondern überhaupt keine Chancen, an der Universität zu bleiben. Und so ist es auch tatsächlich: In vielen Berufungskommissionen gelten genau jene Kriterienkataloge, deren Einhaltung den Jüngeren nun gleichzeitig zum Vorwurf gemacht wird. Da spielt nicht das eine Rolle, was Jesse und Decker als verloren geglaubte Bildungstradition hochhalten, sondern solche Dinge wie Zitationsindizes, Präsentationen, die Anzahl (und nicht der Inhalt) der Publikationen. Nur: Wer sitzt denn in den Berufungskommissionen und denkt sich solche abenteuerlichen Kriterien aus, die zur Einstellungsvoraussetzung gemacht werden? Die junge Generation ist es gerade nicht, denn sie umfasst all jene, die in das vorhandene System erst einmal hereinkommen wollen. Nein, die Jungen haben die jetzigen Strukturen nicht geschaffen - dafür trägt die ältere Generation die Verantwortung.

An den deutschen Universitäten werden viel mehr Leute ausgebildet, als beschäftigt werden können. Das ist eines der grundlegenden Probleme dieses Systems. Wenn jede Forschung mit Existenzängsten verbunden ist, führt das unweigerlich dazu, dass das Fach immer inhaltsleerer wird, weil kaum jemand sich mehr traut, mal etwas zu wagen und mit ungewöhnlichen Ideen aufzuwarten.

Es ist immer leicht, die Jungen zu kritisieren, wenn man selbst schon auf einer Lebenszeitstelle sitzt. Dieses Privileg hat der akademische Mittelbau aber nicht, und zwar ohne dass ihn daran irgendeine Schuld träfe. Wer eine eigensinnige, fundierte und kreative (Politik-)Wissenschaft haben will, muss auch die Rahmenbedingungen schaffen, die dafür nötig sind.

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