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Wir Geisteswissenschaftler : Lasst uns Profis der Skepsis werden

  • -Aktualisiert am

Angehende Skepsis-Profis: Studierende hören sich in München eine Vorlesung an Bild: dpa

Meist stellen sie ihr Licht unter den Scheffel. Dabei haben Geisteswissenschaftler der Gesellschaft viel zu bieten. Sie müssen ihr Können nur endlich selbstbewusst vorzeigen. Ein Aufruf gegen Scheu und Verzagtheit.

          Unsere Perspektiven sind zweifellos schlecht. Deutschland verzeichnet einen dramatischen Überschuss an habilitierten Geisteswissenschaftlern. Nur die wenigsten von uns ergattern eine Professur, viele bleiben nach Jahren des Forschens, Antragstellens und Publizierens beruflich auf der Strecke. Mit Mitte vierzig sieht es dann düster aus. Akademisch hochqualifiziert, aber finanziell unterversorgt, keine Aussicht auf Entfristung und für die freie Wirtschaft ohne Relevanz. Vom „Dr. habil. Hoffnungslos“ geht daher ebenso die Rede wie von „Unisklaven“ und der „akademischen Reservearmee“. Wer die Karriereleiter an der Alma Mater emporsteigen will, sollte den Weg zum Jobcenter vorsorglich einplanen. So lautet der Tenor.

          Nichts ist an diesen und ähnlichen Diagnosen zu belächeln. Im Gegenteil: Sie sind nicht eindringlich genug zu beschreiben. Fatal ist jedoch, was aus diesen Befunden erwächst. In der Regel nämlich: nichts! Ansätze zum Umbau des akademischen Gefüges zerschellen am politischen Reformunwillen. Zu tief wurzelt der Glaube an akademische Hierarchien. Und zu stark lähmt sich die föderalistische Bildungslandschaft selbst.

          Man wird unendlich viele Gründe finden, immer weiter zu klagen, zu bedauern, zu jammern. Ebenso gut könnte man aber auch das Heft des Handelns in die Hand nehmen! Denn gerade wir jungen Geisteswissenschaftler sind es, die unser eigenes Metier verleugnen, wenn wir so tun, als gäbe es kein Jenseits der Hochschulen. Wir beschneiden unser Können, solange wir nicht den Mut fassen, öffentlich kundzutun, was wir anzubieten haben. Uns mag eine enorme berufliche Unsicherheit umgeben, und manchen von uns lässt sie wie die Maus vor der Schlange erstarren. Aber warum führt diese Ungewissheit dazu, dass wir Vertrauen in unsere Fähigkeiten verlieren? Dass wir uns hinter die Mauern der Elfenbeintürme zurückziehen, wo wir doch wissen, dass sie Schutz nur im Rahmen befristeter Arbeitsverträge bieten? Ja, dass diese Mauern eine wirkliche Absicherung so gut wie nicht garantieren können?

          Nur wer sich streitet, wird erkennbar

          Wenn es innerhalb des akademischen Mittelbaus so rumort wie derzeit der Fall, so sind gerade wir jungen Geisteswissenschaftler aufgefordert, unsere chronische Öffentlichkeitsscheu abzulegen. Prekäre Verhältnisse dürfen nicht kleinlaut machen. Und schon gar nicht sollen sie dazu führen, dass wir uns zu öffentlichen Phantomen marginalisieren. Doch geschieht genau dies: Man hat von uns gehört, aber wer wir sind und was wir machen, davon haben die meisten allenfalls ungefähre Ahnungen. Da uns die Universitäten verlässliche Berufsaussichten versagen, sind wir dazu angehalten, uns selbst zu entwerfen. Auf systeminterne Unsicherheit müssen wir mit Agilität und Streitlust reagieren. An der öffentlichen Debatte führt kein Weg mehr vorbei. Nur was in der Auseinandersetzung geschärft wird, ist als Eigenes erkennbar.

          Wir jungen Geisteswissenschaftler schaufeln unser eigenes Grab, wenn wir unseren Geist angesichts drohender Karrierestagnation in den Anpassungsmodus herunterfahren. Konsenslust können wir getrost dem politischen Tagesgeschäft überlassen. Wir sollten den Wert des Trennenden verinnerlichen, ja zur Grundlage unseres Handelns erklären. Haben wir nicht gelernt, dass sich ein kritisches Bewusstsein nicht von selbst einstellt, sondern erst in der gezielten Bildung von Unterschieden?

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