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Wir Geisteswissenschaftler : Lasst uns Profis der Skepsis werden

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Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen und die Plattformen des Internets liefern uns Interventionsmöglichkeiten in nie dagewesener Fülle. Umso bedrückender wirkt die notorische Skepsis vieler junger Geisteswissenschaftler gegenüber den Medien. Der vornehme Hinweis, wahre Wissenschaft habe sich von der Sensationsgier der breiten Öffentlichkeit fernzuhalten, ist oft nur ein Vorwand.

Ängstliche Eremiten der Wahrheit

Doch steht dem Geisteswissenschaftler im Unterschied zu Ingenieuren, Ärzten, Juristen oder Chemikern nur das eigene Denken zur Verfügung. Sein Werkzeug ist die Sprache. Die Öffentlichkeitsverweigerung mancher Fachvertreter entspringt einem negativen Begriff von Rhetorik: Man hält sie für das bloß ornamentale, verfälschende Kleid eines puren Gedankens. Dieser Platonismus übersieht, dass jeder Gedanke immer auch Ausdruck lebhafter Gestaltung ist, und seine Inszenierung Teil seiner selbst. Was nicht zur Aufführung gebracht wird, kann nicht verhandelt werden. Sich ungewohnten Ausdrucksformen zu verschließen, bedeutet also auch, das Streiten zu unterbinden.

Gewiss gehört der Eintritt in die öffentliche Arena für junge Geisteswissenschaftler zu den schwierigsten Übungen. Doch muss mangelnde Beachtung nicht wundern, wenn so ziemlich alles dafür getan wird. Wir jungen Geisteswissenschaftler sind erschreckend ungeübt darin, Formulierungen zu finden, mit denen sich unsere Gedanken an ein außerakademisches Publikum richten lassen. Unsere berufliche Ungewissheit verleitet uns zum Verrätselungswahn. Wir stilisieren uns zu Inhabern reiner Lehren und Verkündern absoluter Methoden. Als Meister-Verschwurbler sonnen wir uns im Licht allumspannender Erkenntnisse.

Durch diese Arroganz und Weltfremdheit verspielen wir unser öffentliches Kapital. Wir inszenieren uns als Besserwisser und Nichtverstandene, als gesellschaftsferne Denker, die es als Beleidigung empfänden, von vielen gelesen, angefragt oder um eine Stellungnahme gebeten zu werden. Weil uns das universitäre System auf uns selbst zurückwirft, stilisieren wir uns zu Eremiten der Wahrheit. Antimodernistische Haltungen muss man sich leisten können, und es steht uns Geisteswissenschaftlern alles andere als gut, wenn wir uns in ihnen einrichten. Vor allem verschlimmern wir damit unsere ohnehin schwierige Situation.

Umso mehr ist es an der Zeit, sich energisch und mit Lust am Dissens öffentlich zu zeigen. Lasst uns unsere akademisch gezüchtete Liebe zu historischen Themen in eine leidenschaftliche Zeitgenossenschaft ummünzen. Wir jungen Geisteswissenschaftler könnten öffentliche Profiskeptiker werden. Nichts hindert uns, überall dort einzugreifen und Alternativen zu formulieren, wo sich Verhärtungen, Einseitigkeiten und Ungleichgewichte zeigen.

So wären wir wieder das, was Geisteswissenschaftler ursprünglich einmal waren: Mitarbeiter am Zeitgeist, die Phänomene der Gegenwart verstehen und für andere interpretieren. Freilich erspart das vielen von uns nicht den Weg zum Jobcenter. Und dennoch wäre es der erste wirklich überzeugende Schritt, mit dem sich der Wert unserer Arbeit anderen zeigen ließe. Denn erst wo Arbeit als Wert anerkannt wird, ist sie gegen Geld einzutauschen. Worauf warten wir also noch?

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