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Indogermanistik : Wie erforscht man Ursprünge?

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So stellte man sich die indogermanische Sprachfamilie im Jahr 1999 vor. Inzwischen hängen die Stammbäume stark von den verwendeten Datenbanken ab - weshalb sie sich beträchtlich unterscheiden. Bild: René Leutenegger

Computerlinguisten wollen den Ursprung der indogermanischen Sprachfamilie mit Big-Data-Methoden errechnet haben. Klassische Linguisten zweifeln daran.

          Fast die Hälfte der Menschheit spricht eine der 220 indogermanischen Sprachen als Muttersprache. Über den Wortschatz und die Grammatik des Urindogermanischen, aus der diese Sprachfamilie hervorgegangen ist, weiß man inzwischen recht viel. Doch wo wurde es gesprochen? Und wann begann diese Ursprache sich auszubreiten und in unterschiedliche Sprachen aufzugliedern?

          Linguistische, archäologische und genetische Befunde haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zu zwei konkurrierenden Theorien verdichtet: Die Steppen-Hypothese besagt, dass das Indogermanische von Viehnomaden gesprochen wurde, die in den Steppen nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres lebten. Von hier aus drangen vor rund sechstausend Jahren Gruppen in mehreren Schüben zunächst in die westlicheren Regionen Europas und später in Richtung Asien vor, dominierten die dort lebenden Völker und verbreiteten so ihre Sprache. Ein ganz anderes Bild zeichnet die Anatolien-Hypothese: Ihr zufolge waren die Indogermanen Bauern, beheimatet in der heutigen Türkei, die ihre Sprache zusammen mit der Landwirtschaft nach Europa brachten. In diesem Szenario begann die Wanderungsbewegung drei Jahrtausende früher, und die sprachliche Ausbreitung ging langsamer vor sich.

          Im Jahr 2012 schien der langwierige Forscherstreit endlich entschieden. Ein Aufsatz in der Zeitschrift „Science“ verkündete den Sieg der Anatolien-Hypothese. Durchgeführt hatte die Studie ein Team aus Informatikern und Biologen um den neuseeländischen Evolutionsforscher Russell Gray. Die Wissenschaftler hatten Daten von 103 alten und aktuellen indogermanischen Sprachen durch ein Computerprogramm laufen lassen, das ursprünglich für die Rekonstruktion von Virenstammbäumen bestimmt war. Die Untersuchung von Sprachfamilien mit Methoden der biologischen Statistik ist seit längerem ein florierendes Forschungsfeld, in dem Gray zu den führenden Experten gehört. Nach der „Science“-Veröffentlichung verkündeten Medien rund um die Welt, das Indogermanen-Rätsel sei nun gelöst. Viele Fachleute sahen das allerdings ganz anders: Die vermeintliche Lösung bildete den Auftakt zu einer Kontroverse, die bis heute anhält.

          Lücken des Big-Data-Ansatzes

          Dabei ist die Engführung von Biologie und Linguistik an sich nicht neu. Stammbäume verwendeten Indogermanisten sogar schon vor Darwin. Ähnlich wie die natürlichen Arten werden Sprachen nach Verwandtschaften sortiert und mächtigen Stammbäumen zugeordnet, in denen die heutigen Sprachen als die jüngsten Zweige in verästelten Kronen erscheinen. Seit den neunziger Jahren arbeiten Forscher an statistikbasierten Computerprogrammen, die endlich den linguistisch, geographisch und chronologisch „richtigen“ Stammbaum auswerfen sollen. Das hatten Gray und seine Kollegen nun scheinbar geschafft – den linguistischen Bioinformatikern schien gelungen, woran Generationen von Sprachforschern und Historikern sich die Zähne ausgebissen hatten. Zwei Jahre später wurde Russell Gray Direktor der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution im neugegründeten Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, wo seitdem auch mehrere seiner Teamkollegen forschen.

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