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Unsere Hochschulen als Vorbild : Was amerikanische Unis von deutschen lernen können

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Wie sein Bruder Wilhelm glaubte auch Alexander von Humboldt an den Wert der Bildung. Bild: dpa

Geistige Unabhängigkeit, Selbstzweck des Wissens, Hochschätzung der Geisteswissenschaften: Das deutsche Hochschulsystem könnte in vielem ein Vorbild für die Vereinigten Staaten sein.

          Die Geburtstätte und die erste Hochphase der modernen Universität lagen in Deutschland. Wesentliche Merkmale der heutigen Universität wie die Einheit von Forschung und Lehre und die rechtlich garantierte Lehrfreiheit wurden zu Beginn der langen Blütezeit der deutschen Universitäten eingeführt, die mit Reformen in Halle und Göttingen begann. Die institutionelle und intellektuelle Überlegenheit der deutschen Universitäten im Zeitraum zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und der Weimarer Republik war international anerkannt. Von 1901 bis 1932 erhielt Deutschland über dreißig Nobelpreise in den Naturwissenschaften, mehr als die im Ranking folgenden Länder Großbritannien und Frankreich zusammen. Mit der Selbstzerstörung der deutschen Universitäten während der NS-Zeit und der explosionsartigen Ausweitung der Studentenzahlen in den sechziger Jahren verlor Deutschland jedoch seine Spitzenposition.

          Heute leidet die deutsche Universität an geringer Flexibilität, an geringem Wettbewerb um die Studenten und an geringen Etats. In meinem Buch „Was die deutschen Universitäten von den amerikanischen lernen können“ habe ich versucht, eine amerikanische Stimme in die Debatte um die notwendigen Reformen einzubringen. Gleichzeitig bin ich jedoch überzeugt, dass es viele Vorzüge der deutschen Universitätstradition und auch manche Vorzüge der heutigen deutschen Universität gibt, von denen die Vereinigten Staaten und die übrige Welt lernen können. Der Titel meines Buches geht denn auch weiter: „und was sie vermeiden sollten“.

          Selbsterziehung setzt Freiheit voraus

          Vermutlich ist es eine Folge des Zweiten Weltkrieges, dass Deutschland nicht den Grad an Zuversicht demonstriert, der seiner tatsächlichen Stellung entspräche. Deutschland sollte jedoch auch nach Bologna nicht zögern, die einzigartigen Elemente seiner Universitätstradition zu bewahren und weiterzugeben.

          Was können die Vereinigten Staaten lernen? Erstens sind Flexibilität und Unabhängigkeit des Studenten, beides Merkmale der deutschen Universitätstradition, wichtige Prinzipien des Lernens. Studenten lernen mehr, wenn sie Selbständigkeit und Initiative beweisen müssen. Deutsche Studenten hatten die Freiheit, sich geistigen Fragen gleichsam organisch zu widmen, mithin auf ganz andere Weise, als dies die Schülermentalität an den meisten amerikanischen Universitäten nahelegt. Dort werden viele Hausaufgaben verteilt, die den Studenten nicht dazu auffordern, sich in ein Thema um seiner selbst willen zu vertiefen oder aus eigenem Antrieb die weiterführenden Fragen, die sich aus dem Studium ergeben, zu verfolgen.

          Die besten deutschen Studenten erwiesen sich dank ihrer Erziehung zur Selbständigkeit als hochmotiviert und eigenverantwortlich. Selbsterziehung setzt nun einmal Freiheit voraus. Zweifelsohne hat diese Freiheit auch viel Leerlauf produziert, seit sich die deutschen Hochschulen in den sechziger Jahren zu Massenuniversitäten entwickelten, vor allem in den Geisteswissenschaften. Im großen Rahmen lässt sich das Humboldtsche Modell nun einmal schwer verwirklichen. Das Vorbild kann daher heute weder das alte deutsche System sein, das dem Gros der Studenten zu wenig Struktur bieten würde, noch das gegenwärtige deutsche System, das mit seinem kleinteiligen Leistungs- und Bewertungsschema zu sehr in die amerikanische Richtung geht. Nötig ist eine kluge, den lokalen Anforderungen angemessene Mischung beider Systeme. Gerade die Spitzenuniversitäten der Vereinigten Staaten, die über ausgezeichnete Studenten verfügen und in der Lage sind, kleinere Seminare anzubieten, könnten viel von dem alten deutschen Modell lernen.

          Ohne Rücksicht auf den Scheinerwerb

          Ein zweiter Vorteil des deutschen Systems ist die Spezialisierung der Seminare. Das erlaubt den Studenten, so viel über bestimmte Forschungsgebiete zu lernen, dass es ihrer wissenschaftlichen Praxis zum Vorteil gereicht. In den Vereinigten Staaten ist es nichts Ungewöhnliches, im Grundstudium einen einsemestrigen Kurs in neuzeitlicher Philosophie mit den großen Werken von Bacon, Descartes, Hobbes, Spinoza, Locke, Leibniz, Hume und Kant zu belegen. Ich selbst habe während meines Studiums einen solchen Kurs am Williams College in Massachusetts absolviert. In meinem ersten Semester in Tübingen nahm ich dagegen an einem Seminar teil, in dem wir weniger als hundert Seiten Hegel lasen. Nur in diesem Kurs habe ich gelernt, einen philosophischen Text wirklich zu studieren.

          Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Mit Hilfe seiner Schriften kann man lernen, einen philosophischen Text wirklich zu studieren.

          Neben den Seminaren behauptet drittens die Vorlesung ihr gutes Recht. Weit mehr als in den meisten anderen Ländern wird in Deutschland immer noch das Format der großen Vorlesungen geschätzt, auch wenn die an Kriterienerfüllung orientierten Studenten, zumal aus anderen Fächern, nicht mehr wie früher in die Hörsäle strömen. Die alte deutsche Gepflogenheit, eine fachfremde Vorlesung zu besuchen oder einen großen akademischen Lehrer zu hören, ganz ohne Rücksicht auf den Scheinerwerb, war in den Vereinigten Staaten nie verbreitet. Dabei können Vorlesungen höchst effizient sein. Sie erlauben einer großen Anzahl von Studenten, charismatische Denker zu erleben und sich über den Stand der Forschung in anderen Fächern zu orientieren.

          Eine Frage der Spezialisierung

          Nur selten gibt es in den Vereinigten Staaten Vorlesungen, von denen es heißt, man müsse sie gehört haben. Als ich an der University of Notre Dame Dekan wurde, schlug ich vor, die Professoren, die die besten Vorlesungen hielten, mit einem Ehrentitel auszuzeichnen. Meine Kollegen, stolz auf ihre kleinen Veranstaltungen, wiesen meine Idee entsetzt zurück. Viertens: Obwohl amerikanische Studenten ein breiter angelegtes Grundstudium absolvieren, gilt ihr Graduiertenstudium in der Regel nur einem Fach. Dagegen studieren deutsche Studenten auch nach dem Grundstudium oft noch ein zweites Hauptfach oder zwei Nebenfächer, was ihnen einen viel weiteren geistigen Horizont gibt. Dies ist seit der Bologna-Reform zwar nicht mehr die Regel. Allerdings verlangt die Habilitation von jedem Professor, noch eine zweite Qualifikationsschrift auf einem anderen Gebiet als die Doktorarbeit vorzulegen. Nicht alle Professoren in den Vereinigten Staaten können mit zwei Büchern verschiedenen thematischen Zuschnitts aufwarten.

          Absolventenfeier der Jacobs University Bremen: 2,7 Prozent der Deutschen erwerben den Doktorgrad.

          Deutschland ist den Vereinigten Staaten auch darin überlegen, dass von seinen Professoren erwartet wird, ihr Fach „in seiner ganzen Breite“ vertreten zu können. Das hat zum Teil auch etwas mit der Größe der Fachbereiche zu tun. In großen amerikanischen Fachbereichen findet man eine Spezialisierung, die in Deutschland nicht möglich wäre. Auf eine Theologieprofessur in Deutschland würde niemand berufen werden, der nicht des Hebräischen und des Griechischen kundig ist. In den Vereinigten Staaten kann man auch einen theologischen Lehrstuhl erhalten, indem man sich beispielsweise auf Ethik oder Systematik spezialisiert.

          Das Charismatische der Wissenschaft

          Durch die größere Selbstbestimmung, geringere äußere Anreize und die Höherschätzung der reinen gegenüber der angewandten Wissenschaft ist, fünftens, der Sinn für intrinsische Werte an den deutschen Universitäten stärker entwickelt. Während deutsche Professoren Status und Unabhängigkeit haben und zumindest formell noch immer in der Tradition des humboldtschen Ideals stehen, das die Forscherexistenz als Berufung, ja als etwas Charismatisches betrachtet, sind amerikanische Professoren eher Angestellte, die oft genug ihren Studenten zu gefallen suchen oder sich danach richten, was die Zunft oder die Geldgeber von ihnen erwarten. Auch hier droht Deutschland seine Tradition preiszugeben, da sich deutsche Professoren immer mehr im Kampf um Drittmittel aufreiben. Anreizstrukturen sind wichtig, ja unentbehrlich, doch bringen sie nicht die höchste Motivation. Deutschland, mit seiner Wertschätzung des Wissens an sich, weiß das besser als die Vereinigten Staaten.

          Sechstens werden in Deutschland die Geisteswissenschaften noch immer im großen Stil gefördert, während sie in den Vereinigten Staaten in der Krise stecken. Die nationale Forschungsförderung verteilt sich folgendermaßen: Lebenswissenschaften sechzig Prozent, Ingenieurwissenschaften sechzehn Prozent, Physik acht Prozent, Umweltwissenschaften fünf Prozent, Mathematik und Informatik vier Prozent, Sozialwissenschaften vier Prozent, Psychologie zwei Prozent. Die Unterstützung für die Geisteswissenschaften ist so bescheiden, dass sie noch nicht einmal ausgewiesen ist. Im Haushaltsjahr 2012 hat das National Endowment for the Humanities (NEH) 146 Millionen Dollar erhalten, verglichen mit 30,9 Milliarden Dollar für die National Institutes of Health und 7,033 Milliarden Dollar für die National Science Foundation. Der Etat des NEH beträgt 0,38 Prozent der von Washington für alle drei Behörden bewilligten Etatsumme und gerade einmal 0,1 Prozent dessen, was Washington 2012 insgesamt für Forschung und Entwicklung ausgegeben hat. In Deutschland hingegen entfielen zwischen 2009 und 2012 rund neun Prozent der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft auf die Geisteswissenschaften.

          Das Ideal der selbstzweckhaften Bildung

          Der größere Sinn für den intrinsischen Wert des Studiums in Deutschland ist wohl auch der Grund dafür, dass sich nur acht Prozent der deutschen Studenten für Betriebswirtschaftslehre (BWL) immatrikulieren gegenüber 21 Prozent in den Vereinigten Staaten. Umfragen unter deutschen Studenten zeigen, dass eine gute Allgemeinbildung nach wie vor vielen erstrebenswert scheint und, anders als in den Vereinigten Staaten, viel höher rangiert als Einkommen und gesellschaftlicher Status. Leider wird das Studium auch in Deutschland zunehmend als Durchgangsstadium zum Beruf betrachtet. Dennoch scheint mir Deutschland immer noch näher am Ideal der selbstzweckhaften Bildung zu sein als die Vereinigten Staaten mit ihrer explizit betriebenen Reduktion von education auf jobs.

          Der einzige amerikanische Präsident mit Doktorhut nach deutschem Maßstab: Woodrow Wilson

          Schließlich verschafft die Promotion in Deutschland noch immer hohes Ansehen, und die Professoren freuen sich, wenn ihre Doktoranden eine Stelle außerhalb der Universität bekommen. Abgesehen von Naturwissenschaften und Technik, neigen die amerikanischen Professoren dazu, jeden Promovierten, der einen außeruniversitären Beruf anstrebt, für zweitklassig zu halten.

          Dem Bildungsreport „Education at a Glance 2013“ zufolge erwerben 2,7 Prozent der Deutschen den Doktorgrad. Das ist einer der höchsten Prozentsätze in der Welt. Die Vereinigten Staaten hingegen liegen bei 1,7 Prozent. Rechnet man die ausländischen oder internationalen Studenten aus der zitierten Statistik heraus, ist Deutschland mit 2,3 Prozent Weltspitze und hat auch hier einen beträchtlichen Vorsprung vor den Vereinigten Staaten (1,3 Prozent). Darüber erhalten Promovierte in Deutschland größere gesellschaftliche Anerkennung.

          Wie sehr die Hochschulbildung in Deutschland geschätzt wird, geht indirekt aus der großen Anzahl von Hochschulabsolventen im politischen Leben hervor. Während neun der neunzehn Politiker, die die Geschicke Deutschlands nach dem Krieg, sei es als Kanzler oder als Bundespräsident, gelenkt haben, promoviert waren, hatte Amerika in seiner ganzen Geschichte nur einen Präsidenten mit einem den deutschen Maßstäben entsprechenden Doktorhut: Woodrow Wilson.

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