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Unsere Hochschulen als Vorbild : Was amerikanische Unis von deutschen lernen können

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Sechstens werden in Deutschland die Geisteswissenschaften noch immer im großen Stil gefördert, während sie in den Vereinigten Staaten in der Krise stecken. Die nationale Forschungsförderung verteilt sich folgendermaßen: Lebenswissenschaften sechzig Prozent, Ingenieurwissenschaften sechzehn Prozent, Physik acht Prozent, Umweltwissenschaften fünf Prozent, Mathematik und Informatik vier Prozent, Sozialwissenschaften vier Prozent, Psychologie zwei Prozent. Die Unterstützung für die Geisteswissenschaften ist so bescheiden, dass sie noch nicht einmal ausgewiesen ist. Im Haushaltsjahr 2012 hat das National Endowment for the Humanities (NEH) 146 Millionen Dollar erhalten, verglichen mit 30,9 Milliarden Dollar für die National Institutes of Health und 7,033 Milliarden Dollar für die National Science Foundation. Der Etat des NEH beträgt 0,38 Prozent der von Washington für alle drei Behörden bewilligten Etatsumme und gerade einmal 0,1 Prozent dessen, was Washington 2012 insgesamt für Forschung und Entwicklung ausgegeben hat. In Deutschland hingegen entfielen zwischen 2009 und 2012 rund neun Prozent der Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft auf die Geisteswissenschaften.

Das Ideal der selbstzweckhaften Bildung

Der größere Sinn für den intrinsischen Wert des Studiums in Deutschland ist wohl auch der Grund dafür, dass sich nur acht Prozent der deutschen Studenten für Betriebswirtschaftslehre (BWL) immatrikulieren gegenüber 21 Prozent in den Vereinigten Staaten. Umfragen unter deutschen Studenten zeigen, dass eine gute Allgemeinbildung nach wie vor vielen erstrebenswert scheint und, anders als in den Vereinigten Staaten, viel höher rangiert als Einkommen und gesellschaftlicher Status. Leider wird das Studium auch in Deutschland zunehmend als Durchgangsstadium zum Beruf betrachtet. Dennoch scheint mir Deutschland immer noch näher am Ideal der selbstzweckhaften Bildung zu sein als die Vereinigten Staaten mit ihrer explizit betriebenen Reduktion von education auf jobs.

Der einzige amerikanische Präsident mit Doktorhut nach deutschem Maßstab: Woodrow Wilson

Schließlich verschafft die Promotion in Deutschland noch immer hohes Ansehen, und die Professoren freuen sich, wenn ihre Doktoranden eine Stelle außerhalb der Universität bekommen. Abgesehen von Naturwissenschaften und Technik, neigen die amerikanischen Professoren dazu, jeden Promovierten, der einen außeruniversitären Beruf anstrebt, für zweitklassig zu halten.

Dem Bildungsreport „Education at a Glance 2013“ zufolge erwerben 2,7 Prozent der Deutschen den Doktorgrad. Das ist einer der höchsten Prozentsätze in der Welt. Die Vereinigten Staaten hingegen liegen bei 1,7 Prozent. Rechnet man die ausländischen oder internationalen Studenten aus der zitierten Statistik heraus, ist Deutschland mit 2,3 Prozent Weltspitze und hat auch hier einen beträchtlichen Vorsprung vor den Vereinigten Staaten (1,3 Prozent). Darüber erhalten Promovierte in Deutschland größere gesellschaftliche Anerkennung.

Wie sehr die Hochschulbildung in Deutschland geschätzt wird, geht indirekt aus der großen Anzahl von Hochschulabsolventen im politischen Leben hervor. Während neun der neunzehn Politiker, die die Geschicke Deutschlands nach dem Krieg, sei es als Kanzler oder als Bundespräsident, gelenkt haben, promoviert waren, hatte Amerika in seiner ganzen Geschichte nur einen Präsidenten mit einem den deutschen Maßstäben entsprechenden Doktorhut: Woodrow Wilson.

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