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Unsere Hochschulen als Vorbild : Was amerikanische Unis von deutschen lernen können

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Ohne Rücksicht auf den Scheinerwerb

Ein zweiter Vorteil des deutschen Systems ist die Spezialisierung der Seminare. Das erlaubt den Studenten, so viel über bestimmte Forschungsgebiete zu lernen, dass es ihrer wissenschaftlichen Praxis zum Vorteil gereicht. In den Vereinigten Staaten ist es nichts Ungewöhnliches, im Grundstudium einen einsemestrigen Kurs in neuzeitlicher Philosophie mit den großen Werken von Bacon, Descartes, Hobbes, Spinoza, Locke, Leibniz, Hume und Kant zu belegen. Ich selbst habe während meines Studiums einen solchen Kurs am Williams College in Massachusetts absolviert. In meinem ersten Semester in Tübingen nahm ich dagegen an einem Seminar teil, in dem wir weniger als hundert Seiten Hegel lasen. Nur in diesem Kurs habe ich gelernt, einen philosophischen Text wirklich zu studieren.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Mit Hilfe seiner Schriften kann man lernen, einen philosophischen Text wirklich zu studieren.

Neben den Seminaren behauptet drittens die Vorlesung ihr gutes Recht. Weit mehr als in den meisten anderen Ländern wird in Deutschland immer noch das Format der großen Vorlesungen geschätzt, auch wenn die an Kriterienerfüllung orientierten Studenten, zumal aus anderen Fächern, nicht mehr wie früher in die Hörsäle strömen. Die alte deutsche Gepflogenheit, eine fachfremde Vorlesung zu besuchen oder einen großen akademischen Lehrer zu hören, ganz ohne Rücksicht auf den Scheinerwerb, war in den Vereinigten Staaten nie verbreitet. Dabei können Vorlesungen höchst effizient sein. Sie erlauben einer großen Anzahl von Studenten, charismatische Denker zu erleben und sich über den Stand der Forschung in anderen Fächern zu orientieren.

Eine Frage der Spezialisierung

Nur selten gibt es in den Vereinigten Staaten Vorlesungen, von denen es heißt, man müsse sie gehört haben. Als ich an der University of Notre Dame Dekan wurde, schlug ich vor, die Professoren, die die besten Vorlesungen hielten, mit einem Ehrentitel auszuzeichnen. Meine Kollegen, stolz auf ihre kleinen Veranstaltungen, wiesen meine Idee entsetzt zurück. Viertens: Obwohl amerikanische Studenten ein breiter angelegtes Grundstudium absolvieren, gilt ihr Graduiertenstudium in der Regel nur einem Fach. Dagegen studieren deutsche Studenten auch nach dem Grundstudium oft noch ein zweites Hauptfach oder zwei Nebenfächer, was ihnen einen viel weiteren geistigen Horizont gibt. Dies ist seit der Bologna-Reform zwar nicht mehr die Regel. Allerdings verlangt die Habilitation von jedem Professor, noch eine zweite Qualifikationsschrift auf einem anderen Gebiet als die Doktorarbeit vorzulegen. Nicht alle Professoren in den Vereinigten Staaten können mit zwei Büchern verschiedenen thematischen Zuschnitts aufwarten.

Absolventenfeier der Jacobs University Bremen: 2,7 Prozent der Deutschen erwerben den Doktorgrad.

Deutschland ist den Vereinigten Staaten auch darin überlegen, dass von seinen Professoren erwartet wird, ihr Fach „in seiner ganzen Breite“ vertreten zu können. Das hat zum Teil auch etwas mit der Größe der Fachbereiche zu tun. In großen amerikanischen Fachbereichen findet man eine Spezialisierung, die in Deutschland nicht möglich wäre. Auf eine Theologieprofessur in Deutschland würde niemand berufen werden, der nicht des Hebräischen und des Griechischen kundig ist. In den Vereinigten Staaten kann man auch einen theologischen Lehrstuhl erhalten, indem man sich beispielsweise auf Ethik oder Systematik spezialisiert.

Das Charismatische der Wissenschaft

Durch die größere Selbstbestimmung, geringere äußere Anreize und die Höherschätzung der reinen gegenüber der angewandten Wissenschaft ist, fünftens, der Sinn für intrinsische Werte an den deutschen Universitäten stärker entwickelt. Während deutsche Professoren Status und Unabhängigkeit haben und zumindest formell noch immer in der Tradition des humboldtschen Ideals stehen, das die Forscherexistenz als Berufung, ja als etwas Charismatisches betrachtet, sind amerikanische Professoren eher Angestellte, die oft genug ihren Studenten zu gefallen suchen oder sich danach richten, was die Zunft oder die Geldgeber von ihnen erwarten. Auch hier droht Deutschland seine Tradition preiszugeben, da sich deutsche Professoren immer mehr im Kampf um Drittmittel aufreiben. Anreizstrukturen sind wichtig, ja unentbehrlich, doch bringen sie nicht die höchste Motivation. Deutschland, mit seiner Wertschätzung des Wissens an sich, weiß das besser als die Vereinigten Staaten.

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