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Landschaft und Agrikultur : Was nicht wächst, muss weichen

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Chinesische Rapsträume in der Provinz Luoping: In den landschaftlichen Konsequenzen gleichen sich Kommunismus und Kapitalismus. Bild: AFP

Die Landwirtschaft ist zur kollektivistischen Großindustrie geworden. Können die Agrarwissenschaften Ökologie und Ökonomie versöhnen?

          Die deutschen Bauern wähnen sich einmal mehr in der Krise. Das ist nichts Neues, nur die Gründe ändern sich. Aktuell plagt die Bauern der Importstopp, den Russland als Rache für die westlichen Krim-Sanktionen verhängt hat. Zudem ist der Preis für Milch stark gesunken, seit die EU keine Quoten mehr setzt. Beim Bauern landen oftmals nur zwanzig Cent pro Liter. Doch eigentlich befindet sich die Landwirtschaft in einer Dauerkrise, zumindest hört das Lamentieren nicht auf. Nur ein Feindbild bleibt konstant: die „Umweltschützer“, die neue Auflagen und nach der Energiewende nun eine „Agrarwende“ verlangen. Ihnen versuchte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Ende Juni beim Deutschen Bauerntag in Hannover einen Riegel vorzuschieben: „Wir brauchen keine Agrarwende, die deutschen Bauern wirtschaften nachhaltig.“

          Eine kühne Behauptung. Wenn dem so wäre, müssten Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie auf dem Land in einer harmonischen Beziehung stehen, existenzgefährdende Preisschwankungen wären unwahrscheinlich. Wohlstand würde durch einen regenerativen Umgang mit der Natur entstehen. So sieht es das Konzept der Nachhaltigkeit vor.

          Wie es in der Wirklichkeit aussieht, zeigt nicht nur die Dauerkrise und die fortschreitende Konzentration der Landschaft in den Händen von immer weniger Großbauern. Man kann das Problem auch selbst begutachten und sich auf dem durchindustrialisierten, oftmals eher untot als lebendig wirkenden Land umsehen. Punktuelle Wildnis wird selbst in als idyllisch beworbenen Landschaften wie der Uckermark von riesigen Agrarwüsten verschluckt, wie sie für hochindustrialisierte Agrarökonomien wie die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten typisch sind: das Gegenteil der vielbeschworenen „Kulturlandschaft“. Mais als Tierfutter und Rohstoff zur Erzeugung von „Bio“-Methan ist in vielen Regionen dominant geworden, was sich in deutlich sichtbarem Humusverzehr niederschlägt. Auf die Frage, wie es mit der Fruchtfolge und der Bodenregeneration aussehe, bekommt man in der Uckermark vom niederländischen Pächter die Antwort, Boden sei eigentlich nicht nötig, außer gegen die Schwerkraft natürlich. Den Rest regelt der Dünger.

          Wachsen oder weichen

          Die wenigen Wissenschaftler, die erforschen, wie sich veränderte Landnutzung auf die Natur auswirkt, berichten wenig Positives. Ja, der Kranich habe sich auch deshalb vermehrt, weil er gelernt habe, auf den Maisäckern verbliebene Körner zu fressen. Aber die Roten Listen bleiben von bedrohten Arten angeführt, für die in der modernen Agrarindustrielandschaft kein Platz mehr ist. Vogelarten vom Rebhuhn über das Braunkehlchen bis zum Kiebitz, die auf Landschaftselemente wie Hecken oder auf extensiv genutzte Flächen angewiesen sind, haben in den vergangenen Jahren dramatische Bestandseinbrüche erlebt. Forscher des Entomologischen Vereins Krefeld haben in einem Langzeitversuch mit 88 Insektenfallen ermittelt, dass die Biomasse der Insekten seit 1989 um mehr als achtzig Prozent zurückgegangen ist. Als eine Ursache gilt ein starker Rückgang der Pflanzenvielfalt durch eine Überdüngung, die sogar mancher Löwenzahnwiese zu viel wird. Dort, wo der angesammelte Dünger über Flüsse ins Meer fließt, wuchern Algen so stark, dass sie anderes Leben zurückdrängen und dem Wasser den Sauerstoff entziehen.

          „Wachsen oder weichen“ heißt noch immer das Mantra der Agrarpolitik. Bauern werden zu immer stärkerer Industrialisierung gedrängt. Produktion für den Export, etwa nach China, wurde von der Politik sogar mit Investitionshilfen angekurbelt. Diese Politik bedeutet nicht nur, dass kleine Betriebe per se im Preiskampf nicht mehr mithalten können, es bedeutet auch, dass größere Betriebe ihre Effizienz immer weiter steigern müssen, um sich bei den Banken weiter refinanzieren zu können. Es werden nun so viele in Ställen stehende Milchkühe mit Mais statt mit Gras und Heu gefüttert, dass Supermarktketten die Molkereien und Bauern gegeneinander ausspielen und den Preis so weit drücken können, dass ein Liter Mineralwasser teurer als ein Liter Milch ist.

          Das andere Opfer dieser Politik ist die Kulturlandschaft. Dominierende Bedürfnisse sind heute Energie für die „Bio“-Gasproduktion und Tierfutter für Fleischproduktion. Die Kulturlandschaft als organisches Gebilde, das sich aus menschlichen Bedürfnissen speist, die Vielfalt der Natur und auch die Wertschöpfung für eine Vielzahl von Menschen, alles Prinzipien der Nachhaltigkeit, sind in den Hintergrund getreten. Es ist weder zu erwarten, dass die Bauern selbst den Weg aus dieser Misere gehen werden, noch werden dies Umweltschützer schaffen, die einseitig auf organischen Landbau fixiert sind. Zumal der Flächenanteil von „Öko“ bei unter zehn Prozent stagniert, weit entfernt vom doppelt so hohen Ziel der Politik.

          Neben Verbrauchern, die sich im Supermarkt die Frage stellen sollten, wie Milch so billig sein kann statt blindlings zuzugreifen, kommt der Agrarwissenschaft eine entscheidende Bedeutung in den aktuellen Umbrüchen zu. In dem dramatischen und weiter eskalierenden Umbruch von der Kultur- zur Industrielandschaft steht die Disziplin vor der Frage, welches Leitbild des Landwirts sie in der Forschung verfolgt und in der Lehre an den Nachwuchs vermittelt.

          Der Bauer als neuer Landschaftsbewahrer

          Schon länger wird vom neuen Leitbild des Landwirts als Landschaftspfleger gesprochen. Aber es hat sich allenfalls als Sonntagsbekenntnis durchgesetzt. Als es bei der letzten EU-Agrarreform darum ging, Landschaftspflege im gleichen Maß zu belohnen wie Produktion, war der Widerstand groß. Noch immer empfinden Bauern die Rolle des nicht auf die Produktion fixierten Landschaftspflegers als Beleidigung. Gelder für Landschaftspflege gelten als Almosen oder Sozialhilfe-Äquivalent. Die Agrarwissenschaften könnten hier zu einem größeren Verständnis beitragen, indem sie die Rolle natürlicher Systeme für die Produktion herausarbeiten, von den Bestäuberleistungen von Insekten bis zur Rolle der bis heute verachteten Feuchtgebiete für die Wasserspeicherung in Zeiten des Klimawandels. Agrarökonome sind gefragt, Bezahl- und Anreizsysteme zu entwickeln, die es lohnend machen, lebendige Gemeinschaftsgüter langfristig zu erhalten. Diese Bezahlwege dürfen keine Spielereien für Idealisten bleiben, sondern müssten, um zu funktionieren, flächendeckend zum Einsatz kommen.

          Es ist eine konkrete Dienstleistung an der Gemeinschaft, wenn ein Landwirt den Kohlenstoffgehalt seines Bodens maximiert und damit die Humusbildung fördert, etwa durch Beweidung. Das entzieht der Atmosphäre Kohlendioxid. Ein ähnlicher Dienst an der Gemeinschaft wäre es, wenn der Landwirt selbst die Entwicklung der Vogel-, Pflanzen- und Insektenbestände auf seinem Gebiet überwachen und dafür üppig entlohnt würde. Wenn die Bezahlung stimmt, wird das Leitbild folgen. Als Alexander von Humboldt Finanzwesen studierte, musste er als Erstes ein Herbar anlegen. Das wäre auch eine gute Übung für angehende Agrarökonomen von heute.

          Für eine Synthese von Öko und High-Tech

          Ein zweiter Beitrag, den die Agrarwissenschaften leisten können, wäre die Versöhnung von Hightech-Landwirtschaft und Öko-Landbau. Seit vielen Jahren steckt die Debatte in einer Sackgasse: hier die Biobauern, die auf tradiertes Wissen setzen, dort die Industriebauern, die von Großkonzernen abhängig sind. Warum sollte es nicht möglich sein, auch im Bio-Landbau Hightech einzusetzen, etwa in der Pflanzenzucht? Hier gibt es längst Verfahren ohne direkte Manipulation des Erbguts. Auch autonom fahrende Traktoren, die mit Sensoren Bodenwerte und Biodiversität messen, könnten für einen „hightech-organic“-Landbau interessant sein. Die Traktoren könnten Gehölze und Tümpel elegant umfahren und für einen ausgewogenen Nährstoffhaushalt sorgen.

          Big Data könnte gerade beim Messen der Lebensvielfalt von Böden helfen. Umgekehrt könnten für industriell wirtschaftende Landwirte praktische Brücken zurück in eine nachhaltige Wirtschaft entstehen: Wie kann tradiertes Wissen helfen, Böden aus der Dünger-Spirale zu befreien? Diese Landwirte brauchen eine Art Entzugshilfe, um aus dem Teufelskreis von Wachstum, Verschuldung und Industrialisierung herauszukommen. Subventionen für steigende Bodenqualität wären dafür geeigneter als Produktionssubventionen.

          Drittens könnten Agrarwissenschaftler herausarbeiten, was es bedeutet, Landwirt (und Konsument) im Anthropozän zu sein, also der neuen Epoche, in der es kaum noch externe „Umwelt“ gibt und alle Eingriffe in die Natur zurückwirken. Nach wie vor agiert die moderne Agrarökonomie so, als gäbe es eine „Umwelt“, aus der man sich folgenlos bedienen und in die man Rückstände freisetzen kann. Landwirtschaft im Anthropozän zu betreiben heißt nicht nur, eine wachsende Zahl von Menschen zu ernähren, sondern Landwirtschaft selbst als integriertes Ökosystem zu betreiben. Nur so wird es überhaupt möglich sein, den Böden in Zukunft noch ausreichend Nahrung zu entlocken. Überbordenden Fleischkonsum und wachsenden Energiebedarf wird die Landschaft auf Dauer ohnehin nicht befriedigen können. Das müssen vor allem die Kunden verstehen, ohne vom Staat dazu gezwungen zu werden. An die Stelle des alten Mantras „Wachsen oder weichen“ muss das neue Motto treten, das Richtige wachsen zu lassen und die Verbraucher dafür zu gewinnen.

          Der Bauer als Dienstleister der Gesellschaft

          Die heutige Landwirtschaft als nachhaltig zu bezeichnen, wie es Bauernpräsident Joachim Rukwied getan hat, ist nur der Versuch, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Grün ist nicht gleich grün. Das monotone Grün, das sich heute in Auenlandschaften an Stelle der früheren Vielfalt von Weidewiesen erstreckt, ist ein bedrohliches Grün, Symbol einer fortgesetzten Devitalisierung der Landwirtschaft. Die Agrarwissenschaft ist gefragt, sich nicht länger für die Optimierung des alten Mantras einspannen zu lassen. Sie kann ihre Forschungsmittel und ihren Zugang zum agrarischen Nachwuchs für wirklich nachhaltige Modelle nutzen.

          Die wichtigsten Nutznießer einer so verstandenen Agrarwende wären die Bauern, die als echte Dienstleister der Gesellschaft auftreten könnten, statt sich jammernd und klagend von Krise zu Krise zu hangeln und von dem abhängig zu sein, was Russland und China bei ihnen bestellen.

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