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Tierversuche : Das muss uns die Gesundheit des Menschen wert sein

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Nur 0,05 Prozent aller Versuchstiere sind Affen: Makake im Forschungskontext Bild: AP

Es ist ein klassisches ethisches Dilemma. Um die Funktionsweise des Lebens besser zu erforschen, wird Leben beeinträchtigt oder zerstört. Warum Tierversuche in der Grundlagenforschung leider unverzichtbar sind. Ein Gastbeitrag.

          Die täglichen Berichte über das Leid der Ebola-Erkrankten und deren Angehöriger zeigen, wie hilflos Wissenschaft, Medizin und Politik dieser Epidemie gegenüberstehen. Impfstoffe werden geprüft, stehen aber bis jetzt nicht zur Verfügung, Ebola-spezifische Medikamente zur Behandlung von akut Erkrankten existieren nicht. Es gibt sie nicht, weil uns grundlegende Kenntnisse fehlen. Wir wissen nicht, wie diese Viren in Zellen eindringen, wie sie zerstören und dabei unsere körpereigene Abwehr überlisten und mit welcher Behandlung sie im Körper vernichtet werden könnten. Möglicherweise müssen ganz neue therapeutische Wege beschritten werden. Durch Behandlung mit Erbgutschnipseln (siRNA) gelang kürzlich die Heilung von Rhesus-Affen, die mit dem Ebola-ähnlichen Marburg-Virus infiziert worden waren. Es wird jedoch noch viele Studien mit Tieren und schließlich auch an Menschen erfordern, bis eine erfolgreiche Therapie zur Verfügung steht.

          Bei der Hilfe für Parkinson-Patienten ist die Medizin schon weiter. Die Tiefenhirnstimulation ermöglicht bereits Tausenden von Patienten, die Bewegungsstörungen zu vermeiden, die für diese Krankheit charakteristisch sind. Bei dieser Therapie erhalten die Patienten eine Elektrode tief ins Gehirn eingepflanzt, mit der Regionen elektrisch stimuliert werden können, die bei der Parkinson-Erkrankung ihre normale Aktivität verloren haben. Diese Behandlung führt zu einer bis dahin unerreichten Lebensqualität für die Betroffenen. Auch hier war es die biomedizinische Grundlagenforschung, einschließlich von Studien und Testreihen an Affen, die die Voraussetzungen für diese Therapie geschaffen hat.

          Diese zwei aktuellen medizinischen Herausforderungen zeigen, dass und warum tierexperimentelle Forschung notwendig ist. Immer dann, wenn Funktionen des intakten Organismus im Vordergrund einer Fragestellung stehen, sind Untersuchungen an Tieren notwendig, etwa in der Infektionsbiologie, der Kreislaufforschung, der Endokrinologie und in den Neurowissenschaften.

          Zahlenmäßig nur eine Nebenrolle

          Insgesamt spielen Tierversuche in den Biowissenschaften dabei rein zahlenmäßig nur eine Nebenrolle. Meistens werden Zell- oder Gewebekulturen verwendet, um die Details biochemischer Vorgänge, der Signalübertragung oder Genexpression zu entdecken. Aber Tierversuche haben eine Schlüsselfunktion, denn nur im Tierversuch kann die Bedeutung dieser Details für den gesamten Organismus aufgeklärt werden.

          Tierversuche sind unvermeidlich, um die Grundlagen des Lebens zu verstehen und Fortschritte in der Medizin zu erreichen. Wir beeinträchtigen oder zerstören Leben, um mehr über das Leben zu erfahren. Ein klassisches ethisches Dilemma. Dieses Dilemma wird noch dadurch verschärft, dass die Forschung auch eine ethische Verpflichtung gegenüber den Menschen hat, um mit neuen Erkenntnissen die medizinische Versorgung zu verbessern. Dieses ethische Spannungsfeld ist eine hohe Hürde für alle, die mit Tieren wissenschaftlich arbeiten. Kein Mensch macht grundlos Tierversuche. Voraussetzung ist eine profunde wissenschaftliche Fragestellung, die einen bedeutenden Erkenntnisgewinn verspricht und die nur durch einen Tierversuch beantwortet werden kann. Natürlich muss auch eine entsprechende Ausbildung und Berufserfahrung gewährleisten, dass die Tiere dabei möglichst wenig belastet werden. Dies sind unerlässliche Voraussetzungen für den Erfolg eines Forschungsprojektes, und ihre Einhaltung liegt deshalb auch im Eigeninteresse der Forscher.

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