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Tierversuche : Das muss uns die Gesundheit des Menschen wert sein

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Ein letztes Argument der Tierversuchsgegner ist schließlich, dass viel zu viele Tiere in Tierversuchen eingesetzt werden. Tatsächlich werden derzeit in Deutschland jährlich etwa drei Millionen Tiere in der Forschung eingesetzt. Anders als oftmals suggeriert, ist dabei der Anteil von Primaten äußerst gering. Trotz der großen wissenschaftlichen Bedeutung von Untersuchungen an Affen machen sie nur 0,05 Prozent aller Versuchstiere aus. Fast drei Viertel der verwendeten Tiere sind hingegen Mäuse (73 Prozent), gefolgt von Ratten (14 Prozent). Die Hälfte dieser Tiere wird für Tierversuche verwendet, das heißt, die Tiere werden beispielsweise mit neuen Medikamenten behandelt und deren Wirkung über einige Tage oder Wochen verfolgt. Die andere Hälfte der in der Forschung verwendeten Tiere wird ohne vorherige Eingriffe getötet, um Gewebe für Untersuchungen zu gewinnen.

0,4 Prozent des amtlich erfassten Tierverbrauchs

Drei Millionen sind auf den ersten Blick eine erschreckend hohe Zahl. Laut Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums werden jedoch gleichzeitig insgesamt 760 Millionen Tiere verbraucht, meist für unsere Ernährung. Diese hohe Zahl des jährlichen Tierkonsums in Deutschland zeigt, dass die Nutzung von Tieren in unserer Gesellschaft akzeptiert ist. Wir nutzen sie nicht nur für unsere Ernährung, sondern wir töten sie als Schädlinge, wir jagen, wir angeln, wir zerstören tierischen Lebensraum für Ackerbau, Straßen und Siedlungen, wir halten sie als Haustiere, und wir verwenden Tiere in der Forschung. Der Anteil der Tiere in der Forschung beträgt 0,4 Prozent des amtlich erfassten Tierverbrauchs.

Ist das zu viel oder angemessen, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und unsere medizinische Versorgung zu verbessern? Darauf gibt es keine pauschale Antwort. In der Zukunft jedenfalls wird die Zahl der in der Forschung verwendeten Tiere eher noch ansteigen, allen Bemühungen um Ersatzmethoden und auch aller Kritik zum Trotz. Unser besseres Verständnis der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Tieren und Menschen und die rasant fortschreitende Entwicklung gentechnischer Methoden erlauben neue Einblicke in die Grundlagen von Lebensvorgängen und Erkrankungen. Dies gibt Hoffnung auf neue und bessere Diagnosen und Therapien, personalisierte Medizin ist hier ein Stichwort, also auf einen Patienten zugeschnittene Therapien.

Vor diesem Hintergrund sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, ihre Fachgesellschaften und die pharmazeutische Industrie gefordert, die Öffentlichkeit zukünftig viel offener und verständlicher über die Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse dieser Forschung zu unterrichten. Zwar wurden über die Bedeutung von tierexperimenteller Forschung zahlreiche Schriften veröffentlicht, und manche tierexperimentell arbeitenden Forscher haben in den letzten Jahren zu Tagen der offenen Tür in ihre Institute eingeladen und über Tierversuche gesprochen. Diese Informationsmöglichkeiten treffen zwar auf ein breites Interesse der Öffentlichkeit, erreichen aber noch zu wenige. Aus Sorge vor Anfeindungen oder einer Unterschätzung der Wichtigkeit die Öffentlichkeit zu informieren, war die Mehrzahl der Forscher in der Vergangenheit eher zurückhaltend. Damit sollte angesichts der gesellschaftlichen Bedeutung des Themas jetzt Schluss sein.

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