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Afrikas Wirtschaft : Die Flaute könnte auch ein Boom sein

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach Afrikas Schätzen: Diamantenschürfer in Sierra Leone Bild: dpa

Gestern war er der hoffnungslose Kontinent, heute ist er die Zukunft der Weltwirtschaft. Die Wirtschaftswissenschaften sind sich über Afrika uneins. Blick man auf ihren Umgang mit empirischen Daten, ist das kein Wunder.

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          Im Jahre 2000 versah der britische „Economist“ das Titelbild einer Ausgabe mit der Schlagzeile: „Afrika. Der hoffnungslose Kontinent“. In dem dazugehörigen Editorial fragte sich die Redaktion, ob Afrika unter inhärenten Charakterschwächen leide, die es zur ökonomischen Entwicklung unfähig machten und zur Rückständigkeit verdammten. Elf Jahre später sang dieselbe Zeitschrift ein Loblied auf den einst abgeschriebenen Kontinent und titelte vom „Aufstieg Afrikas“. Diese 180-Grad-Wende veranlasst den in Oslo lehrenden Wirtschaftshistoriker Morten Jerven in seinem neuesten, in den internationalen Medien und Internetforen bereits lebhaft diskutierten Buch zu einer provokanten Frage: „Leiden Ökonomen unter einer Charakterschwäche, die sie unfähig macht, gute wissenschaftliche Forschung zu Afrika zu betreiben?“ (Morten Jerven: „Africa: Why Economists Get it Wrong“. Zed Books, London 2015).

          Jerven lässt in seiner kompakten Streitschrift kaum ein gutes Haar an seinen mit Afrika befassten wirtschaftswissenschaftlichen Kollegen. Mit besonderem Furor watscht er den Oxford-Ökonomen, Bestseller-Autor und vielgefragten Ratgeber Paul Collier ab. Dessen 2007 erschienenes Buch „Die unterste Milliarde“ popularisierte die These, ein Teil der Menschheit, vor allem in Afrika, lebe in Ländern, die unter chronischer Wachstumsflaute litten und längst den Anschluss verpasst hätten. Daran sei merkwürdig, dass die von Collier identifizierten Volkswirtschaften seit Mitte der neunziger Jahre zum Teil beträchtliche Wachstumsraten vorweisen konnten. Wie konnten Collier und andere Ökonomen dies übersehen?

          Mangel an Daten und Fakten

          Jerven hat darauf eine gradlinige Antwort: mangelhafte Modelle und fehlerhafte Empirie. Wirtschaftswissenschaftler betrieben in Bezug auf Afrika eine Art „Wikipedia mit Regressionen“. Er beklagt die Tyrannei der Ökonometriker, die es versäumten, die Porosität ihrer Daten offenzulegen und sich lieber hinter mathematischer Raffinesse versteckten. „Wenn man einen Ökonomen nach Belegen für seine Schlussfolgerungen fragt,“ schreibt Jerven, „verweist er auf interreferentielle statistische Varianzen und erzählt etwas über Determinationskoeffizienten, statistische Signifikanz und robuste Schätzverfahren. Wenn man hingegen einen Historiker zu seinen Belegen befragt, antwortet er mit Hinweisen auf die Qualität der Daten und Primärquellen.“ Mit anderen Worten: Ökonometrikern ermangele es an der Kenntnis historischer Methoden und der Grundfakten der Wirtschaftsgeschichte. Und sie scherten den afrikanischen Kontinent über einen Kamm, anstatt seiner Vielfalt Rechnung zu tragen. Nur so sei zu erklären, dass sie mit Afrikas chronischem Wachstumsdefizit etwas erklären wollten, was gar nicht stattgefunden habe.

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