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Digitale Speicher : Wie haltbar ist die Zukunft?

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Speichert oder verschleiert die digitale Wissenswolke das explodierte Wissen? Bild: dpa

Im Internet, heißt es, wird alles auf ewig Platz finden. Wer heute auf viele Websites klickt, sieht jedoch massenhaft gefrorene Zeitkapseln. Warum das Internet kein Speichermedium ist.

          Willkommen im alexandrinischen Zeitalter, wie es der Literaturwissenschaftler Nikolaus Wegmann nach der unbewältigbar großen antiken Bibliothek benannt hat: einer Epoche, in der es mehr gelehrtes Wissen gibt, als irgendjemand irgendwann lesend bewältigen kann. Geprägt ist das alexandrinische Zeitalter durch zwei eng miteinander verbundene Empfindungen: Angst vor Informationsverlust und Angst vor Informationsüberschwemmung, overload.

          So zeitgenössisch das klingt: die Wissenschaftler arbeiten dort schon seit ziemlich langer Zeit. Die Humanisten des 15. Jahrhunderts hatten Gutenbergs Buchdruck enthusiastisch als die Rettung des Wissens der Antike begrüßt. In vielen Exemplaren verbreitet, so jubelten sie, würde die kostbaren alten Texte nie wieder verlorengehen. Eine Generation später klagte Erasmus von Rotterdam, selbst ein ziemlich produktiver Autor, aber bereits über die „Schwärme neuer Bücher“. Auch wenn einzelne von ihnen Neues enthielten, seien sie doch durch ihre schiere Masse eine Gefahr für die Gelehrsamkeit. (Die Produkte seines eigenen Verlegers wollte er ausdrücklich davon ausgenommen wissen.) Eineinhalb Jahrhunderte später, 1680, wusste es Gottfried Wilhelm Leibniz dann ganz genau: Die schreckliche Masse der neuen Bücher und die ins Unendlich gewachsene Anzahl der Autoren könne nur zu allgemeiner Amnesie führen und zum „Rückfall in die Barbarei“.

          Todeszone oder Paradies?

          Wieso klingt das im 21. Jahrhundert so eigenartig vertraut? Das digitale Zeitalter ist in vielen Bereichen eine Revolution. Aber nicht dort, wo es um die Beschwörung der Zukunft geht. Da werden alte Motive unverändert weitererzählt. Alles Wissen für alle, Befreiung von der Materialität, Auflösung aller Hierarchien - Zungenreden (alle werden alles verstehen) und Befreiung von allen irdischen Grenzen gibt es als Dreingabe. So enthusiastisch hören sich die Vertreter der Blogosphäre an, wenn sie von der Zukunft der wissenschaftlichen Kommunikation reden. Im neuen Buch von Jeremy Rifkin, 2014 erschienen, besiegt dann auch das selbstorganisierte Wissen im Internet den Kapitalismus, diesmal aber wirklich.

          Wer über die Zukunft der Wissensspeicher redet, verwendet dafür Narrative aus der Vergangenheit. Meistens religiöse. Wir Gelehrten sind nun einmal die Nachfolger der Bettelordensprediger und protestantischen Moraltheologen. Daher gibt es die ganze Techno-Eschatologie auch in einer pessimistischen Variante. Die digitalen Kanäle werden dann zur Sintflut, die alle bestehenden Strukturen unterhöhlt, zur Herrschaft von künstlichen Bildern führt und, natürlich, zum Untergang der Bücher als Gefäße schriftlicher Autorität. 1929 klagte der deutsche Verleger Eugen Diederichs bitter über den Untergang der Buchkultur und die zukünftige Herrschaft von Grammophon und Kino. Im Herbst 2014 hat ein renommierter deutscher Bibliothekshistoriker die digitalen Kanäle als „wolkenförmige Nicht-Identität“ und Todeszone für Eigentum, Leiblichkeit und gedruckte Bücher beschrieben. Ein „von Algorithmen gesteuerter insektenhafter Plan- und Überwachungsstaat“ schicke sich an, die Welt zu übernehmen. „Im Namen Gottes“ - so die letzten Worte seines Buchs.

          Einmal also die frohe Botschaft vom zukünftigen grenzenlosen, selbstverwalteten digitalen Paradies; auf der anderen Seite düstere Untergangsszenarien. Geht es auch anders?

          Vergangene Zukunft

          Man kann sich etwa in die wirklichen Depots der Gedächtnisinstitutionen begeben, wie das der Historiker und Journalist Alexander Stille in seinem Buch über die Zukunft der Vergangenheit 2002 getan hat. Auch bei ihm sind die Angst vor Verlust und der Horror vor overload eng verbunden. Stille beschreibt die amerikanischen National Record Archives als einen Dschungel alter Wissensspeicher: verfallende Magnetbänder, obskur gewordene Daten-Recorder und Festplatten mit unlesbar gewordenen Betriebssystemen. Plus gewaltiger Mengen von Behörden-E-Mails, wie man sie auf Dauer haltbar machen kann. Denn je dichter Daten gespeichert werden, desto fragiler sind sie.

          Aus dieser Perspektive - wie haltbar ist der Speicher? - sieht die Mediengeschichte der Moderne ziemlich anders aus. So optimistisch die Humanisten Gutenbergs Erfindung begrüßt haben, von der Druckproduktion des 15. Jahrhunderts ist ein Drittel nicht mehr vorhanden und ein weiteres Drittel nur in einem einzigen Exemplar. Wundermedium Radio: Aber der allergrößte Teil der frühen Radiosendungen ist auf immer verschwunden. Traummaschine Kino: Die Hälfte aller 1940 entstandenen Filme sind heute weg, für immer.

          Dasselbe gilt für die Bildtechnik der Moderne schlechthin, die Fotografie. Von Beginn an war die neue Technik für ihre Fähigkeit gepriesen worden, Wirklichkeit präzise festhalten und für die Forschung bewahren zu können. Die eingefrorenen Momente der Fotografie, schrieb ein begeisterter Zeitgenosse 1851, würden zukünftigen Historikern unersetzliche Dienste leisten. Ein paar Jahre später, 1859, wurde angesichts der Stereo-Fotografie gleich die endgültige Befreiung der Form von der Materie ausgerufen. „Man gebe uns ein paar Negative eines sehenswerten Gegenstands, aus verschiedenen Perspektiven aufgenommen - mehr brauchen wir nicht. Man reiße dann das Objekt ab oder zünde es an, wenn man will.“

          Der Speicher schmilzt

          Eine im Dezember 2014 veröffentlichte Schweizer Studie schätzt, dass allein in der kleinen Alpenrepublik seit der Erfindung der neuen Technik etwa 140 Millionen Fotografien entstanden sind. Davon seien heute etwa 50 Millionen erhalten, also etwas mehr als ein Drittel. Klingt gar nicht so schlecht. Aber diese Fotos zerfallen - und zwar vor allem diejenigen, die nach 1945 aufgenommen wurden, mehr als die Hälfte aller erhaltenen Bilder überhaupt. Die aus Zelluloseacetat hergestellten Filme schrumpfen, die belichtete Schicht reißt und löst sich ab. Farbdias bleichen und verändern unwiderruflich ihre Farben, bis zur völligen Unkenntlichkeit. Nur die Hälfte aller untersuchten Institutionen, resümiert der Bericht, könne ihre Fotos fachgerecht konservieren. Das heißt, dass viele von ihnen in dreißig Jahren nicht mehr existieren werden - und das, wohlgemerkt, in einem der reichsten Länder der Welt. Wie es um die Aufbewahrung von Fotografien in weniger wohlhabenden Weltgegenden bestellt ist, kann man sich leicht vorstellen.

          Und schließlich das Netz, die digitalen Kanäle? 1999 startete das Projekt Gutenberg-e, e wie elektronisch, ins Leben gerufen von dem Historiker Robert Darnton, damals Präsident des amerikanischen Historikerverbands. Mit Hilfe der Mellon Foundation wurde ein Preis für hervorragende Doktorarbeiten im Fach Geschichte gestiftet, verbunden mit einem großzügigen Preisgeld und der Publikation als E-Book: eine Möglichkeit, über den bloßen wissenschaftlichen Text hinaus damit verknüpfte und kommentierte Bilder, Fotos, Tondokumente, Filme und ganze Quelleneditionen den Fachkollegen und der Welt zur Verfügung zu stellen. In Zusammenarbeit mit Columbia University Press wurden insgesamt 35 solcher wissenschaftlicher E-Books ins Netz gestellt.

          Es stellte sich aber rasch heraus, dass die Produktionskosten sehr viel höher waren als gedacht. Der Aufwand des Verlags war genau so hoch wie bei der Produktion eines Buchs auf Papier. Noch höher waren die laufenden Kosten für Wartung und Erhaltung der Website, und die Verkaufszahlen der Bücher blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Das Projekt wurde nach nur sechs Jahren 2004 beendet. Die Website ist immer noch da. Auf der Startseite findet sich der Link auf Robert Darntons Artikel, mit dem das Projekt begonnen hatte. Ich klicke ihn an: Error 404, page not found.

          Man möchte es loswerden dürfen

          Ist das die Zukunft der Wissensspeicher? In den Jahren um 2000 sind in den Geschichtswissenschaften viele digitale Projekte online gegangen, die meisten davon mit dem Anspruch, wissenschaftliches Lesen und Schreiben auf neue Art und Weise miteinander zu verbinden - so etwa www.pastperfect.at. Die Website wurde 2004 mit dem Medida-Preis ausgezeichnet, dem höchstdotierten deutschsprachigen Hochschulpreis für digitale Medien. Die Plattform, so die Laudatio, biete

          den Studenten „Erfahrungsmöglichkeiten, mit der Multiperspektivität und Ungleichzeitigkeit historischer Bezüge umzugehen“. Wer sie heute anklickt, findet die Mitteilung, die Seite sei im Wiederaufbau und werde voraussichtlich im Herbst 2013 wieder online gehen.

          Wer sich auf die Suche nach der Vergangenheit der Zukunft begibt, stößt sehr schnell auf solche Zeitkapseln - Momentaufnahmen von früher, leicht angestaubt, eingefroren im Netz. Ein 2007 erschienenes Buch „Best of History Websites“ listet auf den Seiten 285 bis 306 insgesamt 104 Websites über die Geschichte des Mittelalters und der Renaissance auf. Das ist mein eigenes Fachgebiet. Im März 2015 sind von ihnen noch 45 unter der angegebenen Adresse zu finden. Bei allen anderen: 404. Site not found.

          Die zukünftigen Inhalte digitaler Wissensspeicher, so hat der Gründer von www.pastperfect.at, ein engagierter österreichischer Historikerkollege, 2009 geschrieben, seien „nicht auf Dauerhaftigkeit, Fixierung und Abgeschlossenheit angelegt“. Sie böten offene Strukturen: „Im Gegensatz zu einem auf Dauer fixierten Produkt steht der Prozesscharakter und der stete, nicht vorhersehbare Wechsel im Vordergrund.“ Digital, erklärt er auf eine Anfrage im Februar 2015, sei eben nie abgeschlossenes Produkt, immer Prozess. „Als solchen wird man den auch nicht los, das klebt an einem.“ Auch wenn es nur darum gehe, die jährliche Rechnung für den Host des Website-Namens zu zahlen oder die Serverumstellungen des universitären Informatikdienstes mitzumachen. Aber heute „will man das auch mal los sein wollen dürfen“, fügt er hinzu. „Bei Büchern: vergriffen, meist aber noch in irgendeiner Bibliothek zu bestellen. Bei Websites: eigener Fehler, es wäre ja so leicht, das online zu halten. Nein, ist es nicht.“

          Willkommen im Keller der alexandrinischen Bibliothek. Die digitalen Kanäle sind Verteiler, nicht Speicher. So wunderbar sie für Kommunikation geeignet sind, für dauerhafte Aufbewahrung sind sie sehr viel weniger tauglich. Bibliotheken waren nie besonders sichere Orte. Aber in keiner Bibliothek verschwindet man so schnell wie im Netz. Links verfallen, Server ziehen um. Ein 2012 erschienener Überblick zur Geschichte des Internets hat lakonisch bemerkt, dass große Teile seines Quellenmaterials nicht mehr existierten. Eine 2013 erschienene Studie zu Material in sozialen Netzwerken resümiert, dass nach nur zweieinhalb Jahren dreißig Prozent der dort gespeicherten Informationen verschwunden seien.

          Digitale Erlösungsfahrzeuge

          Dasselbe dürfte für Blogs gelten, das gelehrte Nabelfernsehen schlechthin. Wie lange bleiben sie greifbar? Um überhaupt auffindbar zu bleiben, braucht es ununterbrochenes Aufdatieren und Umkopieren. Das kostet Geld. Die digitale Speicherung eines Meters Archivmaterial, so der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner, sei etwa neunmal teurer als die analoge Aufbewahrung.

          Für welche Revolution stehen also die digitalen Kanäle? „Während die Revolutionäre damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen“, hat ein deutscher Philosoph vor 150 Jahren geschrieben, „noch nicht Dagewesenes zu schaffen, beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um mit dieser erborgten Sprache eine neue Szene aufzuführen.“ Das ist Karl Marx. Die Webprojekte, Blogs, digitalen Plattformen und Netzwerke der letzten zwanzig Jahre sind die Gegenstücke

          zu den proletarischen Massenparteien der K-Gruppen der siebziger Jahre und den selbstverwalteten Alternativprojekten der Achtziger. Sie funktionieren als religiös aufgeladene Vehikel für Zugehörigkeit und für emotionale Teilhabe am Richtigen, an einer diffusen, aber als unüberwindlich imaginierten Bewegung - kurz, als Erlösungsfahrzeuge.

          Wie die Erlösungsprojekte der Siebziger und Achtziger ist auch die Digitalisierung narzisstisch aufgeladen: Das digitale Versprechen - mit allen verbunden sein, aber geborgen in der eigenen community; nach außen wirksam und unendlich vervielfältigt, aber immer home, daheim - ist so wolkig, dass es gar nicht entkräftet werden kann. In der Geschichte der Medien im 20. Jahrhundert sind Utopien von basisdemokratischer Selbstverwaltung allerdings gewöhnlich sehr rasch von technisch überlegenen Monopolanbietern abgelöst worden. So war das nicht nur mit dem Radio, sondern auch mit dem PC, dem Internet - siehe Google - und dem Web 2.0. - siehe Facebook.

          Die Macht im 21. Jahrhundert

          Wer auf hohem Abstraktionsgrad von „Wissensordnungen“ und „Wissenskultur“ redet, verfällt leicht der Lieblingsillusion der Gelehrten, dem Traum von Autonomie. Als ob es die Apparate, mit denen wir die Information konsumieren, nicht gäbe; als ob die Daten - Texte, Bilder, Filme - durch den Heiligen Geist zu uns kämen und nicht durch Programme und Kanäle, die jemandem gehören, nämlich großen Firmen. Erstaunlich viel vom Reden über die Digitalisierung in den letzten fünfzehn Jahren war der Traum von einer Welt, in der elektrischer Strom für immer billig bleibe und in der die Firmen, denen wir unsere Daten und Infrastruktur anvertrauen, niemals pleite gehen werden. In der wirklichen Welt tun aber Firmen, ganz wie andere Institutionen, nicht immer das, was sie versprochen haben.

          Für jemanden meiner Generation, der in den achtziger Jahren akademisch mit Michel Foucault sozialisiert worden ist, ist es heute sehr einfach, Foucaults Begriff der Macht den Studenten im Proseminar zu erklären. Die digitalen Kanäle und die großen Netzmonopolfirmen, die sind im 21. Jahrhundert le pouvoir. Sie sind gleichzeitig Möglichkeit und handfester Zwang, und diese Macht reicht überall hin. Aber diese diffuse allgegenwärtige Macht des Digitalen hat gleichzeitig etwas sehr Befreiendes geschaffen, ein einfach erreichbares Draußen: den Aus-Knopf. Das Ende der Welt ist dort, wo es kein W-Lan gibt. Es kann also jederzeit selbst erzeugt werden. Das wirklich entscheidende, verlockendste, machtvollste Wissen ist deswegen heute wahrscheinlich nicht digital verfügbar.

          „Was ich eigentlich wissen will“, lässt Thomas Pynchon in seinem neuen Roman „Bleeding Edge“ den Hacker Eric sagen, „ist wahrscheinlich nicht da, wo eine Suchmaschine es finden könnte.“

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