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Digitale Speicher : Wie haltbar ist die Zukunft?

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Digitale Erlösungsfahrzeuge

Dasselbe dürfte für Blogs gelten, das gelehrte Nabelfernsehen schlechthin. Wie lange bleiben sie greifbar? Um überhaupt auffindbar zu bleiben, braucht es ununterbrochenes Aufdatieren und Umkopieren. Das kostet Geld. Die digitale Speicherung eines Meters Archivmaterial, so der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner, sei etwa neunmal teurer als die analoge Aufbewahrung.

Für welche Revolution stehen also die digitalen Kanäle? „Während die Revolutionäre damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen“, hat ein deutscher Philosoph vor 150 Jahren geschrieben, „noch nicht Dagewesenes zu schaffen, beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparolen, Kostüm, um mit dieser erborgten Sprache eine neue Szene aufzuführen.“ Das ist Karl Marx. Die Webprojekte, Blogs, digitalen Plattformen und Netzwerke der letzten zwanzig Jahre sind die Gegenstücke

zu den proletarischen Massenparteien der K-Gruppen der siebziger Jahre und den selbstverwalteten Alternativprojekten der Achtziger. Sie funktionieren als religiös aufgeladene Vehikel für Zugehörigkeit und für emotionale Teilhabe am Richtigen, an einer diffusen, aber als unüberwindlich imaginierten Bewegung - kurz, als Erlösungsfahrzeuge.

Wie die Erlösungsprojekte der Siebziger und Achtziger ist auch die Digitalisierung narzisstisch aufgeladen: Das digitale Versprechen - mit allen verbunden sein, aber geborgen in der eigenen community; nach außen wirksam und unendlich vervielfältigt, aber immer home, daheim - ist so wolkig, dass es gar nicht entkräftet werden kann. In der Geschichte der Medien im 20. Jahrhundert sind Utopien von basisdemokratischer Selbstverwaltung allerdings gewöhnlich sehr rasch von technisch überlegenen Monopolanbietern abgelöst worden. So war das nicht nur mit dem Radio, sondern auch mit dem PC, dem Internet - siehe Google - und dem Web 2.0. - siehe Facebook.

Die Macht im 21. Jahrhundert

Wer auf hohem Abstraktionsgrad von „Wissensordnungen“ und „Wissenskultur“ redet, verfällt leicht der Lieblingsillusion der Gelehrten, dem Traum von Autonomie. Als ob es die Apparate, mit denen wir die Information konsumieren, nicht gäbe; als ob die Daten - Texte, Bilder, Filme - durch den Heiligen Geist zu uns kämen und nicht durch Programme und Kanäle, die jemandem gehören, nämlich großen Firmen. Erstaunlich viel vom Reden über die Digitalisierung in den letzten fünfzehn Jahren war der Traum von einer Welt, in der elektrischer Strom für immer billig bleibe und in der die Firmen, denen wir unsere Daten und Infrastruktur anvertrauen, niemals pleite gehen werden. In der wirklichen Welt tun aber Firmen, ganz wie andere Institutionen, nicht immer das, was sie versprochen haben.

Für jemanden meiner Generation, der in den achtziger Jahren akademisch mit Michel Foucault sozialisiert worden ist, ist es heute sehr einfach, Foucaults Begriff der Macht den Studenten im Proseminar zu erklären. Die digitalen Kanäle und die großen Netzmonopolfirmen, die sind im 21. Jahrhundert le pouvoir. Sie sind gleichzeitig Möglichkeit und handfester Zwang, und diese Macht reicht überall hin. Aber diese diffuse allgegenwärtige Macht des Digitalen hat gleichzeitig etwas sehr Befreiendes geschaffen, ein einfach erreichbares Draußen: den Aus-Knopf. Das Ende der Welt ist dort, wo es kein W-Lan gibt. Es kann also jederzeit selbst erzeugt werden. Das wirklich entscheidende, verlockendste, machtvollste Wissen ist deswegen heute wahrscheinlich nicht digital verfügbar.

„Was ich eigentlich wissen will“, lässt Thomas Pynchon in seinem neuen Roman „Bleeding Edge“ den Hacker Eric sagen, „ist wahrscheinlich nicht da, wo eine Suchmaschine es finden könnte.“

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