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Digitale Speicher : Wie haltbar ist die Zukunft?

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Es stellte sich aber rasch heraus, dass die Produktionskosten sehr viel höher waren als gedacht. Der Aufwand des Verlags war genau so hoch wie bei der Produktion eines Buchs auf Papier. Noch höher waren die laufenden Kosten für Wartung und Erhaltung der Website, und die Verkaufszahlen der Bücher blieben weit hinter den Erwartungen zurück. Das Projekt wurde nach nur sechs Jahren 2004 beendet. Die Website ist immer noch da. Auf der Startseite findet sich der Link auf Robert Darntons Artikel, mit dem das Projekt begonnen hatte. Ich klicke ihn an: Error 404, page not found.

Man möchte es loswerden dürfen

Ist das die Zukunft der Wissensspeicher? In den Jahren um 2000 sind in den Geschichtswissenschaften viele digitale Projekte online gegangen, die meisten davon mit dem Anspruch, wissenschaftliches Lesen und Schreiben auf neue Art und Weise miteinander zu verbinden - so etwa www.pastperfect.at. Die Website wurde 2004 mit dem Medida-Preis ausgezeichnet, dem höchstdotierten deutschsprachigen Hochschulpreis für digitale Medien. Die Plattform, so die Laudatio, biete

den Studenten „Erfahrungsmöglichkeiten, mit der Multiperspektivität und Ungleichzeitigkeit historischer Bezüge umzugehen“. Wer sie heute anklickt, findet die Mitteilung, die Seite sei im Wiederaufbau und werde voraussichtlich im Herbst 2013 wieder online gehen.

Wer sich auf die Suche nach der Vergangenheit der Zukunft begibt, stößt sehr schnell auf solche Zeitkapseln - Momentaufnahmen von früher, leicht angestaubt, eingefroren im Netz. Ein 2007 erschienenes Buch „Best of History Websites“ listet auf den Seiten 285 bis 306 insgesamt 104 Websites über die Geschichte des Mittelalters und der Renaissance auf. Das ist mein eigenes Fachgebiet. Im März 2015 sind von ihnen noch 45 unter der angegebenen Adresse zu finden. Bei allen anderen: 404. Site not found.

Die zukünftigen Inhalte digitaler Wissensspeicher, so hat der Gründer von www.pastperfect.at, ein engagierter österreichischer Historikerkollege, 2009 geschrieben, seien „nicht auf Dauerhaftigkeit, Fixierung und Abgeschlossenheit angelegt“. Sie böten offene Strukturen: „Im Gegensatz zu einem auf Dauer fixierten Produkt steht der Prozesscharakter und der stete, nicht vorhersehbare Wechsel im Vordergrund.“ Digital, erklärt er auf eine Anfrage im Februar 2015, sei eben nie abgeschlossenes Produkt, immer Prozess. „Als solchen wird man den auch nicht los, das klebt an einem.“ Auch wenn es nur darum gehe, die jährliche Rechnung für den Host des Website-Namens zu zahlen oder die Serverumstellungen des universitären Informatikdienstes mitzumachen. Aber heute „will man das auch mal los sein wollen dürfen“, fügt er hinzu. „Bei Büchern: vergriffen, meist aber noch in irgendeiner Bibliothek zu bestellen. Bei Websites: eigener Fehler, es wäre ja so leicht, das online zu halten. Nein, ist es nicht.“

Willkommen im Keller der alexandrinischen Bibliothek. Die digitalen Kanäle sind Verteiler, nicht Speicher. So wunderbar sie für Kommunikation geeignet sind, für dauerhafte Aufbewahrung sind sie sehr viel weniger tauglich. Bibliotheken waren nie besonders sichere Orte. Aber in keiner Bibliothek verschwindet man so schnell wie im Netz. Links verfallen, Server ziehen um. Ein 2012 erschienener Überblick zur Geschichte des Internets hat lakonisch bemerkt, dass große Teile seines Quellenmaterials nicht mehr existierten. Eine 2013 erschienene Studie zu Material in sozialen Netzwerken resümiert, dass nach nur zweieinhalb Jahren dreißig Prozent der dort gespeicherten Informationen verschwunden seien.

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