https://www.faz.net/-gqz-86co6

Videospiele : Das nächste Level der Kritik

Diese Gemeinschaft besteht noch immer. Sie hat nur nichts mehr zu verteidigen. Die Politik hat das wirtschaftliche Potential von Computerspielen längst erkannt und überschlägt sich in Beweihräucherungen der Spieleindustrie. „Grand Theft Auto V“, das bislang erfolgreichste Computerspiel aller Zeiten, verschaffte seinen Entwicklern am ersten Verkaufstag Einnahmen von achthundert Millionen Dollar. Zum Vergleich: Der Film „Avatar“ brauchte ein Wochenende, um 77 Millionen einzuspielen. Auch das Bild des Spielers hat sich gewandelt, vom nerdigen Loser zum Avantgardisten. Computerspieler stehen im Mittelpunkt eines neuzeitlichen Geniekults. Der Tenor der Medien hat sich radikal gewandelt: Computerspiele, heißt es heute, fördern die Intelligenz und sind allgemein eine tolle Sache.

Konsolenknöpfe und Geheimgänge

Dagegen haben die Spieler nichts einzuwenden. Mit dem Wandel der öffentlichen Meinung entstehen aber auch Ansätze einer Computerspielkritik und -wissenschaft. Gerade erst hat der Medienwissenschaftler Gundolf Freyermuth gefordert, „Game Studies“ als wissenschaftliche Disziplin an den Universitäten zu verankern. Die Universität Bayreuth bietet seit diesem Sommer den ersten Masterstudiengang zu Computerspielen an.

Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Weil es noch keine einheitliche Theorie für Computerspiele gibt, behelfen sich Spielekritiker mit Grundlagen aus der Literatur-, Theater- und Filmkritik. Computerspieler sehen sich nun plötzlich mit fachfremden Gedanken konfrontiert. Eine akademische Kritikermentalität hält Einzug in einen Bereich, dessen Deutungshoheit vormals allein ihnen gebührte. Ihr Expertenstatus wird in Frage gestellt. Dabei wissen sie, die Spieler, doch viel besser, wie so ein Spiel funktioniert. Sie kennen alle Konsolenknöpfe, jeden Geheimgang, haben jedes Level mehrfach durchgespielt. Sie brauchen niemanden, der ihnen etwas von problematischen Frauenbildern erzählt.

Dieser Abwehrreflex ließ sich Ende vergangenen Jahres beobachten. Unter dem Hashtag #Gamergate entwickelte sich eine Schlammschlacht, bei der alle Kritiker, die der Szene nicht passten, öffentlich angegangen wurden - darunter auch Anita Sarkeesian, eine feministische Spielekritikerin. Sarkeesian untersucht in ihrer Videoreihe „Tropes and Women in Video Games“, welche Rollenbilder in Computerspielen vorherrschen. Sie behauptete, dass vor allem Blockbusterspiele nach dem immergleichen Muster gestrickt seien: Ein starker Mann macht sich auf den Weg, um eine Frau aus einem schimmeligen Kerker zu befreien. Zwischendurch wird eine Horde Menschen, Zombies oder Monster abgeknallt. Die Alternative: Ein Frau mit überdurchschnittlich großen Brüsten schießt sich durch eine Horde Menschen, Zombies oder Monster.

Natürlich überspitzt Sarkeesian ihre Thesen. Und natürlich lässt sich auch die Frage stellen, wie viel politische Korrektheit Unterhaltung und Kunst vertragen. Aber die Spielerszene könnte viel gelassener bleiben. Eine akademisch fundierte Kritik schadet ihrer Sache nicht. Im Gegenteil: Nur wenn sich Kritiker an den manchmal eindimensionalen Erzählmustern von Computerspielen abarbeiten, kann ein Rezensionsfeuilleton für Computerspiele entstehen, das diesen Namen verdient.

Weitere Themen

Topmeldungen

Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.