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Sexueller Missbrauch : Vertauschte Macht

Thomas Pogge, Philosophieprofessor in Yale Bild: IMAGO

Der Gerechtigkeitstheoretiker Thomas Pogge muss sich gegen den Vorwurf sexuellen Missbrauchs wehren. Mit einem freiwilligen Lügendetektortest machte er sich die Verteidigung selbst schwerer.

          Fernanda Lopez Aguilar stammt aus Honduras und studierte in Yale. Im Mai 2010 legte sie ihr Examen ab. Der Betreuer ihrer Abschlussarbeit war der Philosoph Thomas Pogge, ein aus Deutschland gebürtiger Schüler von John Rawls. Pogge ist ein weltweit gefragter Spezialist für globale Ethik, der in Yale eine interdisziplinäre Forschungsgruppe mit dem Namen Global Justice Program begründet hat. Er machte Lopez Aguilar das Angebot, im akademischen Jahr 2010/11 als Junior Global Justice Fellow in der Gruppe mitzuarbeiten. In Peking erhielt Pogge am 20. Juli 2010 eine Mail seiner Schülerin, die ihm enthusiastisch ein Thema vorschlug: Menschenhandel. Mit väterlichem Humor ermahnte Pogge sie in seiner Antwort, sie wolle sich doch nicht ermorden lassen. Dezent skizzierte er die Erwartungen an Nachwuchskräfte der Weltgerechtigkeitsforschung in Yale: Es gehe nicht um Verdopplung der Polizeiarbeit, sondern um Kritik juristischer Kategorien.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Elektrobriefwechsel behandelte gleichzeitig eine praktische Frage. Lopez Aguilar bat Pogge um eine Bescheinigung über ihre Beschäftigung zur Vorlage bei ihrem Vermieter. Er sollte ein fiktives Gehalt angeben, da sie ihren Lebensunterhalt mit einer anderen Stelle bestreiten wollte. Pogge sandte ihr den erbetenen Brief. Als Lopez Aguilar Ende August 2010, ein paar Tage vor ihrem offiziellen Dienstantritt, in der Universität vorstellig wurde, wies sie sich mit Pogges Brief aus. Dieser hielt ihr daraufhin vor, ihn in eine unmögliche Situation gebracht zu haben, da er nicht autorisiert gewesen sei, ihr ein Gehalt zuzusagen. Hypothetische Probleme einer Gerechtigkeitstheorie der illegalen Migration gewannen plötzlich lebenspraktische Bedeutung. Wann ist der Gebrauch falscher Papiere moralisch gerechtfertigt? Lopez Aguilars Karrieretraum zerbrach am Problem des physischen Zugangs zu den Universitätsgebäuden.

          Folgenschwerer Wahrheitsnachweis

          Binnen weniger Tage schlug der vertraute Ton der Elektrokorrespondenz in heftige wechselseitige Vorwürfe um. Wie ist der Bruch zu erklären? Nutzte Pogge einen Vorwand, um eine junge Frau loszuwerden, die ihm lästig geworden war? Oder sah er sich mit illusionären Hoffnungen auf Protektion konfrontiert, die er nur durch einen Beziehungsabbruch enttäuschen konnte? 2011 zeigte Lopez Aguilar ihren Mentor bei der Universität wegen sexueller Belästigung an. Im Juni 2010 hatte Pogge sie zu einer Konferenz nach Chile mitgenommen, wo sie sich ein Hotelzimmer teilten. Während sie am Schreibtisch saß, soll er sich ihr unsittlich genähert haben. Die universitäre Untersuchung kam zu dem Ergebnis, Pogge habe sich unprofessionell verhalten, der sexuelle Übergriff sei ihm aber nicht nachzuweisen. Eine weitere Eingabe im Jahr 2014, der Zeugenaussagen weiterer, angeblich von Pogge ähnlich behandelter Frauen beigefügt waren, blieb erfolglos. Im Oktober 2015 richtete Lopez Aguilar eine Beschwerde an die Bürgerrechtsabteilung des Bildungsministeriums in Washington.

          Mit der Antwort auf die Beschuldigungen von Lopez Aguilar, die Pogge im Internet veröffentlichte, hat er sich, wie er gegenüber der „Zeit“ einräumte, „sehr geschadet“. Eine der im globalen Kollegenkreis mit Entgeisterung aufgenommenen Stellen ist die Mitteilung, dass er einen Lügendetektortest bestanden habe, woran er das Angebot knüpft, die Kosten zu übernehmen, falls auch seine Anklägerin bereit sei, sich einem solchen Test zu unterziehen. Bei einem Professor der Philosophie wirkt es wie ein Akt der Verzweiflung, wenn er den Wahrheitsbeweis in eigener Sache durch Körpertatsachen führen möchte.

          Repräsentant der Macht

          Hunderte von Fachkollegen haben einen offenen Brief unterschrieben, der eine Maßregelung Pogges durch die „akademische Gemeinschaft“ fordert. Sympathiekundgebungen bleiben aus. Woher die Einseitigkeit? Pogge wird als Repräsentant der Macht wahrgenommen: der Männer über die Frauen, der Professoren über Jungforscher in prekärer Lage, aber auch der Ivy League und des Jetset-Professorats im Verhältnis zum Rest der gelehrten Welt. Pogge hat verkannt, dass auch die Offerte der Bezahlung des Lügendetektors als Geste der Macht ankommen musste.

          Aufgrund von Gerüchten und überwiegend anonymen Beschuldigungen wird Pogge zur Unperson gemacht. Der weltberühmte Ethiker gibt das denkbar beste schlechte Beispiel her. Zu suggestiv ist die von einer namenlosen Ex-Geliebten 2014 in einem Blog erzählte Geschichte, dass Pogge, der Kritiker der erzwungenen Zustimmung in den ungleichen Verhandlungen zwischen reichen und armen Staaten, Doktorandinnen aus Entwicklungsländern methodisch ausgenutzt habe: ein Menschenverbraucher, der auf Händler nicht angewiesen war.

          Angesichts der lehrbuchhaften narrativen Geschlossenheit der Anklage mag die Unbeholfenheit von Pogges Rechtfertigungen seine beste Verteidigung sein.

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