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Arbeitsbedingungen an Unis : Wir flexibilisieren uns zu Tode

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Ein einfacher Weg der Reform

Deutschland hat diesen Weg in den letzten Jahren keineswegs im Alleingang beschritten. Die Parallelen zu großen Wissenschaftsnationen wie Großbritannien oder den Vereinigten Staaten sind offensichtlich. Am dramatischsten sind die Konsequenzen dieses Prozesses für die Studienabgänger auf der Suche nach Anstellung in der Wissenschaft. Die Spitze des Eisbergs sind Wissenschaftsskandale, in die oft Nachwuchswissenschaftler involviert sind. Sei dies die junge Stammzellforscherin Haruko Obokata, deren Mentor sich nach Auffliegen ihrer Manipulationen das Leben nahm, oder die Biologin Felisa Wolfe-Simon, die ihrem Bakterienstamm den Namen GFAJ1 gab: Give Felisa a job.

Parallel zur Ökonomisierung der Universitäten steigt die Zahl der Publikationen, die wegen Manipulation oder schweren Fehlern zurückgezogen werden, so rasant, dass bei fortgesetzter Entwicklung im Jahr 2045 für jeden publizierten Artikel einer zurückgezogen werden müsste. Im Jahr 2010 erschoss die Biologin Amy Bishop an der Universität Alabama in einem Amoklauf drei Kollegen, die ihr eine feste Stelle mit dem Argument verweigert hatten, sie publiziere nicht genug. Der unbarmherzige Konkurrenzkampf zwingt den Nachwuchs, Ergebnisse möglichst hoch in einer Zeitschriftenhierarchie zu plazieren, die jedweder Grundlage entbehrt, und gleichzeitig möglichst teure Experimente zu beantragen, um die Universitäten mit möglichst großen Drittmittelförderungen zu finanzieren. Diesen Herbst nahm sich der Mediziner Stefan Grimm vom Imperial College in Großbritannien das Leben, weil ihm bei Kündigungsdrohung gesagt wurde, er müsse in den nächsten zwölf Monaten unbedingt 200 000 Pfund Fördergelder einwerben.

Die Ökonomisierung des internationalen Universitätsbetriebes hat dazu geführt, dass nur Wissenschaftler eine Stelle bekommen, die teure Forschung gut verkaufen können. Ob diese Verkäufer auch verlässliche Wissenschaft machen, ist reine Glückssache. Und wenn man durch Glück eine unbefristete Stelle ergattert, hängt das Gehalt auch davon ab, wie teuer die betriebene Forschung ist. Drittmittelerfolge können nach der neuen W-Besoldung eine Gehaltserhöhung begründen.

Eine adäquate Grundfinanzierung ist nötig

Die Zeichen stehen auf Sturm. Einige Anzeichen stimmen jedoch verhalten optimistisch. So lassen sich die Strukturen weitgehend innerhalb der akademischen Institutionen reformieren, so dass selbst mit bescheiden erhöhten Mitteln der öffentlichen Hand viel bewegt werden könnte. Zum Beispiel kann nach einer Verschlankung der Verwaltung das überschüssige Personalbudget der Verwaltung auf das wissenschaftliche Personal umgelegt werden, so dass nur die Gehaltsdifferenzen ausgeglichen werden müssten.

Das achselzuckende Argument der Funktionäre, dass für Wissenschaftler keine Planstellen vorhanden seien, ist faul, da in den Verwaltungen Planstellen im Überfluss geschaffen werden, die für die Wissenschaft umgewidmet werden könnten. Das würde die wissenschaftliche Leistungsbilanz der Universitäten dramatisch verbessern. Gerade weil die regelmäßigen Verschlankungskuren der Privatindustrie an den öffentlichen Universitäten nicht möglich sind, müssen diese besonders allergisch auf unnütze Expansion der Administration auf Kosten ihres wissenschaftlichen Kerns reagieren.

Doch selbst wenn Mittelumwidmungen die schwierige Situation der Universitäten lindern würden, wird man um eine adäquate Grundfinanzierung von Forschung und Lehre nicht herumkommen, wenn man verlässliche Wissenschaft und eine gut ausgebildete, kritische und mündige Bevölkerung will. Oder haben die Politiker unseres Landes dieses Ziel schon aufgegeben?

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