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Arbeitsbedingungen an Unis : Wir flexibilisieren uns zu Tode

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Vor solchen Zahlen verweisen Verwaltungen und Politiker gerne auf die Bedeutung der Flexibilität. Wissenschaftler sollten in ihrer Laufbahn an möglichst vielen Universitäten arbeiten, um stetig neue Erfahrungen in der dynamischen modernen Forschung zu sammeln. Langfristige Beschäftigung führe nur zur Ansammlung von „Totholz“, wie unspektakulär forschende Kollegen an amerikanischen Universitäten genannt werden, und behindere den Fortschritt einer Wissenschaft im Dreijahresrhythmus. Kontinuität in Forschung und Lehre sind hier offenbar von untergeordnetem Interesse.

Sagenhafte Verwaltungsquoten

Lässt sich dieses Argument aber nicht genauso auf die Verwaltungsstrukturen anwenden? Benötigen die Universitäten nicht auch eine schlanke, effiziente Verwaltung, die dynamisch auf wechselnde Aufgaben reagiert? Fordern die wachsende Vielfalt der Fördermittel, die wuchernden Verwaltungsvorschriften und die schwankenden Studentenzahlen nicht eine flexible modernisierte Verwaltung mit wenigen Zeitangestellten?

Die Zahlen von 2012 sprechen eine ganz andere Sprache. Jeder vollzeitbeschäftigte Wissenschaftler einer deutschen Universität wird im Schnitt von 1,28 Personen verwaltet. Von diesen 182 255 Verwaltungsangestellten müssen lediglich 25 Prozent um ihre Fortbeschäftigung bangen, gegenüber mehr als fünfzig Prozent in Forschung und Lehre. In der Universitätspolitik wird offenbar mit zweierlei Maß gemessen. Aber haben Exzellenz-Initiative und Hochschulpakt nicht zumindest zu einer Verschlankung und Flexibilisierung der Verwaltung geführt, gerade so wie in Forschung und Lehre? Auch diese Erwartung wird enttäuscht. Beim Verwaltungspersonal wurde die Quote der unbefristet Beschäftigten sogar noch deutlich erhöht, von gut siebzig Prozent im Jahr 2015 auf sagenhafte 75 Prozent im Jahr 2012. Nur einer von vier Arbeitnehmern in der Verwaltung ist flexibel angestellt, in der Wissenschaft sind es fast zwei von dreien.

Von 2005 bis 2012 wurden für jede unbefristete Stelle in Forschung und Lehre durchschnittlich 3,7 unbefristete Verwaltungsstellen geschaffen. Entsprechend hat sich das Betreuungsverhältnis um sieben Studenten pro unbefristeter Wissenschaftlerstelle verschlechtert, aber lediglich um 2,7 Studenten pro Verwaltungsangestelltem. Da liegen Gewinner und Verlierer klar auf der Hand. Die deutlichsten Verlierer sind die Studenten, die weniger Betreuer haben als vorher. Dicht gefolgt von den Wissenschaftlern, die bei gesunkenen Aussichten auf einen festen Vertrag auch noch mehr Arbeiten korrigieren müssen. Eindeutige Gewinner sind die Verwaltungsangestellten.

Im Vergleich gibt dies sehr zu denken. In Deutschland kann offenbar eine international konkurrenzfähige Wissenschaft mit all ihrem Spezialwissen von lediglich 60 438 Menschen auf Dauer gesichert werden. Und für diese Wissenschaftler muss anscheinend mehr als die doppelte Zahl (nämlich 135 897) von Verwaltern auf Dauer angestellt werden.

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