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Vegetarier : Sensibel, klug - und ausgegrenzt?

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Gesellschaftlicher Kontext

Möglich sei auch, dass die leidvolle Erfahrung, eine psychische Störung erlebt zu haben, Menschen empathischer macht, so dass sie auf Fleisch, für dessen Gewinnung Tiere sterben müssen, verzichten wollen. „Bei Angststörungen könnte Vegetarismus auch eine Art von Sicherheitsverhalten sein, da mit Fleisch durch viele Lebensmittelskandale Ängste verbunden sind“, sagt Michalak. „Oder es gibt eine Drittvariable, einen Faktor, der sowohl die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass jemand Vegetarier wird, als auch, dass er an einer psychischen Störung erkrankt. Dazu könnte beispielsweise eine größere emotionale Sensibilität beitragen. Vegetarier sind möglicherweise gewissenhafter, denken stärker in ethischen Kategorien.“ Auch andere Studien haben ergeben, dass Vegetarier besonders selbstkritisch sind und ihre Verschiedenheit von anderen sehr bewusst und stark wahrnehmen.

Michalaks Funde stimmen mit früheren Studien überein, in denen Vegetarier stets eine stärkere Neigung zu Angststörungen und Depressionen gezeigt hatten. Allerdings hatten die anderen Untersuchungen die Eigenschaften von Vegetariern meist anhand von Teenagern oder jungen Erwachsenen untersucht, so dass keine allgemeine Gültigkeit damit verbunden werden konnte.

Der „Veggie-Burger“ löst immer häufiger den Burger mit Fleisch ab

Eine einzige Studie aus dem Jahr 2010 erbrachte, dass Vegetarier, die in der religiösen Gemeinschaft der „Seventh Day Adventists“ in den Vereimigten Staaten leben, weniger an Depressionen und Angststörungen leiden als Nichtvegetarier.

„Vegetarier haben bei den Seventh Day Advetists einen höheren Status, was ihr Abschneiden auf den psychiatrischen Messskalen vermutlich beeinflusst“, sagt Michalak. Vor diesem Hintergrund hält er es für notwendig, weitere Studien in anderen Kulturen durchzuführen. „Es wäre interessant, die Studie in Kulturen zu replizieren, wo Vegetarismus verbreiteter ist und gesellschaftlich einen anderen Stellenwert hat. Wichtig wäre es auch, die jeweiligen Motive zu berücksichtigen: Sind Vegetarier ethisch, spirituell oder gesundheitlich motiviert?“ Hinterfragen müsse man auch, in welchem Kontext sich jemand vegetarisch ernähre: „Sind die jeweiligen Vegetarier übergewissenhaft? Neigen sie zum Grübeln?“

Vegetarismus kann der Vermeidung dienen - bei Essstörungen

In der Bilanz sagt Michalak: „Die Studie gibt ein Stück weit Entwarnung: Vegetarische Ernährung ist nicht die Ursache für psychische Störungen.“ Doch eine Ausnahme gibt es: die Esstörungen. Der Zusammenhang zwischen der Magersucht, Anorexia nervosa, und der Ess-Brech-Sucht Bulimie und einem vegetarischen Ernährungsstil ist Michalaks Ergebnissen zufolge besonders deutlich ausgeprägt. Das Einsetzen der Essstörung und der Beginn der vegetarischen Ernährungsweise folgten viel dichter aufeinander als bei den anderen psychischen Erkrankungen. „Prädisponierte junge Frauen könnten über den Vegetarismus einen Einstieg in eine Essstörung finden“, vermutet Michalak.

Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen einer vegetarischen Ernährungsweise und Essstörungen ein Kapitel für sich. Zuletzt zeigte eine Studie von Anna Bardone-Cone von der University of North Carolina at Chapel Hill, dass essgestörte Patientinnen eher Vegetarier sind oder es waren als gesunde Vergleichsgruppen (“Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics“, Bd. 112, S. 1247, 2012). „Auch klinische Erfahrungen belegen das“, sagt Silja Vocks, Professorin für klinische Psychologie an der Universität Osnabrück.

„Bei der Anamnese lässt man Patientinnen mit Magersucht oder Bulimie Listen schreiben mit den Lebensmitteln, die sie sich verbieten. Ein Therapieziel ist, dass von diesen verbotenen Lebensmitteln schrittweise wieder mehr und mehr in den Speiseplan aufgenommen werden. Auf diesen Listen stehen sehr oft Fleisch und Milchprodukte.“ Aus ihrer Sicht muss in solchen Fällen ganz klar die Motivation hinterfragt werden, die hinter dem vegetarischen Lebensstil steht: Geht es um Ethik oder um Vermeidung?

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