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Vegetarier : Sensibel, klug - und ausgegrenzt?

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Schon dieser Anblick könnte einen Nicht-Vegetarier depressiv machen: Ein Menü bestehend aus einem Salatblatt und zwei Paprikastreifen

Rubys Literaturübersicht dokumentiert aber vor allem, wie massiv man Vegetarier noch vor wenigen Jahrzehnten ausgegrenzt hat. Noch in den vierziger Jahren hieß es, dass Vegetarier tyrannisch und sadistisch veranlagt seien - so schrieb der Leiter der psychiatrischen Abteilung einer amerikanischen Klinik damals in einem Fachmagazin. Zudem fand die Behauptung Gehör, ein Grund für das Stottern könne eine vegetarische Ernährungsweise sein. Eine Studie in Arizona aus dem Jahr 1986 belegte, dass Vegetarier in der Bevölkerung nicht nur als pazifistisch und liberal angesehen wurden, sondern auch als hypochondrisch, dem Drogenkonsum zugeneigt und um ihr Gewicht besorgt.

Bis heute gilt, dass Vegetarier vor allem von Jungs im Teenageralter, autoritär veranlagten Menschen und Menschen, die glauben, von Vegetariern wegen ihres eigenen Fleischkonsums kritisch gesehen zu werden, besonders negativ betrachtet werden. Generell stehen Frauen vegetarisch lebenden Menschen wohlwollender gegenüber als Männer.

Psychische Gesundheit im Test

“Wir wissen aber vor allem wenig über das emotionale Wohlbefinden und andere psychologische Merkmale von Vegetariern“, sagt Ruby. Das Forschungsfeld ist besonders lückenhaft, was Daten zum Abschneiden von Vegetariern auf Messskalen angeht, mit denen etwa die Neigung zu Depression und Angst erfasst wird - also Informationen, die für klinische Fragen in Psychologie und Psychiatrie interessant wären. Eine der ersten Studien, die diesen Zusammenhang in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe untersucht, kommt aus Deutschland.

Johannes Michalak von der Universität Hildesheim hat in diesem Sommer im „International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity“ eine Untersuchung veröffentlicht, für die er aus den Daten des Bundesgesundheitssurveys herausfilterte, welche von mehr als 4000 Teilnehmern dieses Interviews vegetarisch lebten und wie hoch die Prävalenz psychischer Störungen in dieser Gruppe war (doi:10.1186/1479-5868-9-67). Der Bundesgesundheitssurvey erfasst die psychische Gesundheit mit Hilfe eines einstündigen Interviews.

Vegetarier sind selbstkritischer - das macht sie verwundbar

Vegetarier erfüllten, ergab Michalaks Analyse der Daten, mit höherer Wahrscheinlichkeit die Kriterien für eine psychiatrische Diagnose - darunter Depressionen, Angststörungen, somatoforme Störungen (körperliche Beschwerden wie Schmerzen oder Übelkeit, die sich nicht auf eine somatische Erkrankung zurückführen lassen) und Essstörungen - als die Nichtvegetarier aus dem Survey. Um Einflüsse auf die psychische Gesundheit auszuschließen, die nichts mit dem vegetarischen Lebensstil zu tun haben, verglich Michalak die Vegetarier nicht nur mit der Gesamtgruppe aller anderen Probanden, sondern auch mit einer aus den Daten herausgefilterten Gruppe von Fleischessern, die den Vegetariern in soziodemographischer Hinsicht vollkommen entsprach.

Vegetarier waren jünger, häufiger weiblich, hatten mit höherer Wahrscheinlichkeit Abitur, lebten häufiger in Städten und als Single als der Durchschnitt aller Probanden. Vegetarier hatten mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit wie ihnen in anderen Eigenschaften gleichende Nichtvegetarier eine Angststörung; die Rate an Depressionen war um fünfzehn Prozent erhöht.

Michalak konzentriert sich bei der Analyse seiner Ergebnisse zunächst auf eine Frage: Könnte eine vegetarische Ernährung dazu führen, dass psychische Störungen entstehen? „Dieser Zusammenhang wäre denkbar, weil Vegetarier beispielsweise weniger Omega-3-Fettssäuren zu sich nehmen, was wiederum den Gehirnstoffwechsel beeinflussen und die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen erhöhen könnte“, sagt der Psychologe. Doch er kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass eine solche Beziehung sehr unwahrscheinlich ist. „Bei den allermeisten Probanden lag der Beginn der psychischen Erkrankung vor dem Zeitpunkt, zu dem mit der vegetarischen Ernährung begonnen wurde.“ Worin der Zusammenhang genau bestehe, sei noch unklar. „Darüber kann man spekulieren“, sagt Michalak. „Es ist denkbar, dass die psychische Störung Mechanismen in Gang setzt, die dazu führen, dass die Betroffenen sich bemühen, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern, um sich sozusagen zunächst selbst zu therapieren.“

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