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Universität Santa Fe : Hier soll das kritische Denken gelehrt werden

  • -Aktualisiert am

Das St. John's College ist eine der teuersten Universitäten Amerikas Bild: Christopher Quinn

Eine Universität in Amerika vertraut auf die intellektuelle Neugierde der Studenten. Es gibt weder Prüfungen noch Noten - man erörtert dafür die großen Werke des abendländischen Denkens und Forschens. Doch wer die Diskussion nicht bereichert, fliegt raus.

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          Das St. John's College ist eine der bemerkenswertesten Bildungseinrichtungen der Vereinigten Staaten. Auf den zwei Campi in Annapolis und Santa Fe gibt es keine Vorlesungen und keine Wahlfächer, keine Lehrbücher oder Examina. Hier soll das kritische Denken gelernt werden, und zwar unter Anleitung der herausragendsten Intellektuellen der vergangenen drei Jahrtausende.

          In einer akademischen Interpretation des lutherischen Ideals beschränkt sich der Lehrplan auf die Werke der prägenden Denker der westlichen Zivilisation. Vier Jahre lang arbeiten sich die 450 Studenten durch 2500 Jahre Geistesgeschichte, von Platons „Politeia“ bis Tolstois „Krieg und Frieden“, von Bachs Matthäuspassion bis Einsteins Relativitätstheorie, von der Bibel bis zu den Arbeiten von Watson und Crick. Sekundärliteratur ist verpönt, hier lernt man Griechisch und Französisch, mitunter auch Latein und Deutsch, um sich aus erster Hand mit den Werken zu beschäftigen.

          Bildung um ihrer selbst willen gilt als dekadenter Luxus

          In Amerika ist dieser Bildungsansatz unerhört. Höhere Bildung ist teuer, die meisten Eltern sparen seit der Geburt ihrer Kinder aufs College, und das Studium wird als Mittel zu einem lukrativen Job betrachtet, die hohen Investitionen sollen sich lohnen.

          In der Bibliothek stehen die Werke der prägenden Denker der westlichen Zivilisation

          Bildung um ihrer selbst willen gilt bestenfalls als dekadenter Luxus. Das schlägt sich nicht zuletzt in den schwachen Bildungsstandards des öffentlichen amerikanischen Schulsystems nieder, in dem es, wenn man den jüngsten politischen Bildungsinitiativen folgt, vor allem um internationale wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit geht.

          Bedrückende Resultate

          In St. John's dagegen werden die mathematischen Beweise von Euklid zu dem Zweck auf ihre Standfestigkeit abgeklopft, die Grundpfeiler des modernen Denkens selbst zu erkunden - wenn auch auf amerikanisch-lockere Art. Auf den ersten Blick wirkt es fast absurd: Schüler, die zumeist aus einem allenfalls mediokren Bildungssystem entlassen wurden, lesen mit notdürftiger Sprachausbildung Griechisch und Französisch, diskutieren Plato und Einstein, analysieren Bach und da Vinci - und zwar mehr oder minder ohne jegliche akademische Anleitung. Denn die Dozenten, die sich hier bescheiden „Tutoren“ nennen und über ihre akademische Spezialisierung hinaus Philosophie, Mathematik und Sprachen „unterrichten“, begreifen sich selbst als Lernende.

          Das Resultat ist bisweilen beeindruckend. So stehen die Studenten des Junior Laboratory bei der Diskussion von Huygens' Abhandlung über das Licht plötzlich vor dem Problem, Licht als Wellen oder Teilchen zu begreifen. Mit Skizzen an der Tafel und engagierten Debatten versuchen sie wechselseitig, ein lästiges intellektuelles Hindernis sauber zu überwinden. Manchmal ist es weniger berückend - wenn etwa im Renaissance-Seminar zwei Stunden lang ziellos über die Diskrepanzen zwischen Leonardo da Vincis Anmerkungen über die Malerei und einigen seiner Werke diskutiert wird. Der Tutor lenkt die Diskussion nicht, auf die Frage, ob das Gemälde des heiligen Jerome unvollendet sei, antwortet er: „Könnte sein. Was meint ihr?“ Am Ende bleiben die Anmerkungen bloß unschlüssig im Raum stehen.

          Man setzt auf die Fähigkeit des Einzelnen

          Doch man setzt in St. John's ungeniert auf die Fähigkeit des Einzelnen, auch große Probleme der westlichen Geistesgeschichte eigenständig zu durchdringen. Gemeinsam vollziehen Studenten und Tutoren an der Tafel Euklids mathematische Beweise nach und lesen beim Hören von Bachs „Matthäuspassion“ die Partitur mit. Noch nach Seminarschluss wird an der Tafel in der Cafeteria weiter nachgedacht.

          Was hier passiert, ist freilich kein verspieltes Bildungsexperiment. St. John's ist eine der teuersten Universitäten des Landes - 45.000 Dollar im Jahr müssen die Studenten inklusive Kost und Logis für ein Studium generale ohne fachliche Spezialisierung aufbringen. Auf die Frage nach dem Warum bekommt man hier wieder und wieder dieselbe Antwort: aus Lust an einer „intellektuellen Grundausbildung“.

          Ein System aus dem 19. Jahrhundert

          „Was wir hier machen, ist eigentlich humanistisches Gymnasium aus dem neunzehnten Jahrhundert“, sagt Ingo Farin, der einzige Deutsche der Fakultät. Seit sechs Jahren lehrt der gebürtige Angermünder in Santa Fe. Farin ist Doktor der Philosophie, doch derzeit sitzt er über einer Vielzahl mathematischer Probleme. Wie alle Dozenten in St. John's „unterrichtet“ er ungeachtet seiner akademischen Spezialisierung Philosophie, Mathematik und Sprachen. Mit allen Konsequenzen.

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