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Autonomie der Forschung : Auf dem Weg zu einem geistigen Korsett

Universitäre Forschung nähert sich der Wirtschaft. Der Professor Christian Kreiß warnt davor, Forschungsziele an Geldinteressen zu knüpfen. Mehr Recherche hätte seinem klar formulierten Ergebnis gut getan.

          4 Min.

          Siebzig Prozent von Forschung und Entwicklung leisten in Deutschland Wirtschaft und Industrie selbst. Warum sollte auch die universitäre Forschung um den Preis ihrer Unabhängigkeit die Nähe zur Ökonomie suchen? Von dieser Frage geht das Buch des ehemaligen Investmentbankers und heutigen Wirtschaftsprofessors Christian Kreiß aus. Man ahnt, dass die Antwort nicht kleinlich ausfallen wird.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf dem Weg zur Autonomie sind die Universitäten der Wirtschaft in den letzten Jahren immer näher gerückt. Auf der nächsten, derzeit beschrittenen Etappe ins globale Wissenschaftssystem wird Hochschulpolitik sogar explizit als Standortpolitik betrieben. Trotzdem ist der finanzielle Einfluss zunächst einmal nicht so groß wie vermutet. Nur ein Fünftel der Drittmittel und fünf Prozent der gesamten Hochschulfinanzierung stammen aus der Wirtschaft, seit 2006 ist der wirtschaftliche Drittmittelanteil prozentual nicht mehr gestiegen.

          Kreiß verweist auf indirekte Verquickungen. Wenn die Wirtschaft nur teilweise für akademische Kooperationen aufkommt, würden private Profite staatlich subventioniert. Starken Einfluss übe die Wirtschaft auch über universitäre Gremien aus, in denen sie stark vertreten sei, besonders durch das machtvolle Instrument des Hochschulrats. So wird – nicht überall, aber doch vermehrt – Rendite zum Forschungsziel und Geisteswissenschaften und Grundlagenforschung zum unprofitablen Geschäft.

          Gesponserte Schulbücher

          Das Buch trifft auf ein verbreitetes Unbehagen in der Wissenschaft an der Gängelung durch die Wirtschaft, das unter dem Begriff Solutionismus kursiert. Man sucht kurzfristige Lösungen für Probleme, die andere vorgeben, und verliert das eigene Forschungsziel aus den Augen. Themen werden nach Fördermitteln flexibel umgeschrieben. Wer in der Konstellation prekärer Nachwuchswissenschaftler und finanzkräftige Institution das Sagen hat, ist leicht zu erraten.

          Die amerikanische Tabaklobby konnte die Deklarierung von Tabak als Suchtmittel um 15 Jahre verschleppen.
          Die amerikanische Tabaklobby konnte die Deklarierung von Tabak als Suchtmittel um 15 Jahre verschleppen. : Bild: AP

          Das macht die Zusammenarbeit nicht durchweg anrüchig. Es mangelt aber nicht an zweifelhaften Fällen. Einige Schlaglichter: Google ließ sich für das Book Settlement vom Mitarbeiter eines staatlich finanzierten deutschen Instituts ein Gutachten schreiben, bei dem es nicht nur das Ergebnis, sondern gleich auch die Argumentation vorgab; die Deutsche Bank spendierte der Humboldt-Universität ein Institut für Finanzmathematik, bei dem sie bis zu Forschung und Stellenvergabe hineinreden wollte; Kinder werden in gesponserten Schulbüchern seit Jahren diskret an die Wirtschaft herangeführt – mit freundlicher Unterstützung der Politik, die das Sponsoring an Schulen für „zulässig und erwünscht“ erklärt. Das Argument, es reiche die Transparenz der Kooperationen, lässt Kreiß zu Recht nicht gelten. Es ändere nichts an der einseitigen Forschungslenkung.

          Tatortreife Methoden

          Das trifft auch auf die beliebten Stiftungsprofessuren zu, die nicht nur einseitig ausgewählt, sondern auch wirtschaftsnah besetzt bleiben, wenn sie von den Universitäten übernommen werden. Die deutsche Energiebranche unterhält ihre rund dreißig Stiftungslehrstühle nicht in der Germanistik. Aus geförderten Instituten gingen bereits umstrittene, für die Atombranche vorteilhafte Empfehlungen hervor. Gleichwohl ist die Zahl der Stiftungsprofessuren in Deutschland nicht hoch.

          Überraschenderweise nähert sich das Buch dem manipulativen Gebrauch der Wissenschaft mit Beispielen aus den Vereinigten Staaten. Die sind zweifellos spektakulär, wie dasjenige des von der Tabakindustrie fürstlich honorierten Mediziners Ragnar Rylander, der mit manipulierten Studien jahrelang die Schädlichkeit des Passivrauchens bestritt. Aber die angeführten Fälle liegen weit auseinander und auch schon etwas zurück.

          Trotzdem ergibt sich ein Muster. Für Studien, deren Zweck von Beginn an die Täuschung ist, werden gezielt wirtschaftsnahe Gutachter ausgewählt, negative Ergebnisse werden mit tatortreifen Methoden unterdrückt. Auch Gesundheitsschäden werden in Kauf genommen, um gefährliche Substanzen noch eine Weile auf dem Markt halten zu können.

          Klarheit ohne eigene Recherche

          Der amerikanischen Tabakindustrie gelang es beispielsweise, die Deklarierung des Tabaks als Suchtmittel fünfzehn Jahre zu verschleppen. Begünstigt wird die Manipulation durch Publikationsklauseln, die den akademischen Autor an seinen Geldgeber binden. Nicht selten kommt es auch vor, dass akademische Autoren in der Autorenzeile von Studien firmieren, die in Wirklichkeit von der Wirtschaft geschrieben wurden. Wer glaubt da noch an die Unabhängigkeit der Wissenschaft?

          Kreiß stützt sich in seinen Fallstudien auf wenige Bücher und fügt kaum eigene Recherche hinzu. Für die deutschen Verhältnisse bedient er sich fast ausschließlich bei einem Dossier der „Zeit“. Für die angekündigte erste Synthese seit zwanzig Jahren ist das wenig. Unklar bleibt, ob das Buch mehr als ein Streubild bietet, das sich auf die spektakulärsten Fälle stützt. Missstände benennt der Autor dagegen mit wünschenswerter Klarheit, etwa dass Bankenhörsäle an Universitäten und Wirtschaftsgelder in Schulen nichts verloren haben. Auch im Detail unterbreitet er sinnvolle Vorschläge, wie Fonds für Stiftungsprofessuren, in die Unternehmen ihre Gelder einspeisen, ohne über ihre Verwendung bestimmen zu können. Er scheut aber auch nicht den Basta-Stil. Geldinteressen haben aus seiner Sicht in der Wissenschaft nichts zu suchen. Der Ausfall von 1,3 Milliarden Euro an wirtschaftlichen Drittmitteln sei leicht zu verkraften.

          Transfer der Methoden

          Das Urteil fällt umso leichter, als der Autor sich die Mühe spart, die Folgen im Einzelnen nachzurechnen. In der Medizin, die für Medikamentenzulassung und klinische Studien den größten Geldstrom aus der Wirtschaft verzeichnet, wäre der Preis der Unabhängigkeit auch eine gewaltige Subventionierung der Pharmaindustrie, deren Zulassungsstudien nun der Staat bezahlen müsste. In anwendungsorientierten Disziplinen wie den Ingenieurswissenschaften gehen aus Kooperationen für beide Seiten wertvolle Anstöße hervor. Solange es nicht zum kapitalen Ausbau der Grundfinanzierung kommt – und der politische Wille dazu ist nicht zu erkennen –, riskiert ein Pauschalverbot eine Leerstelle zwischen Theorie und Praxis.

          Umzukehren wäre auch das Leitbild der unternehmerischen Hochschule selbst. Das ist keine Unmöglichkeit, aber anders als der Autor suggeriert auch ein politischer Kraftakt. Das Buch liefert zumindest einen sinnvollen Anstoß, den aus dem Ruder gelaufenen Trend zur fremdfinanzierten Projektforschung zu korrigieren. Es opfert auch nicht die Intuition, dass die Universität als Instanz einer bestimmten Form von Wahrheit besonderen Schutz vor ökonomischen Interessen verdient. In der Konsequenz ist Kreiß zuzustimmen, wenn er schreibt, dass die Wissenschaft durch ein einseitiges Prämiensystem ein immer strafferes geistiges Korsett angelegt bekomme. Auch wenn das Fremdheitsgefühl weniger vom Geld der Wirtschaft als vom Transfer ihrer Methoden kommt.

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