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Autonomie der Forschung : Auf dem Weg zu einem geistigen Korsett

Trotzdem ergibt sich ein Muster. Für Studien, deren Zweck von Beginn an die Täuschung ist, werden gezielt wirtschaftsnahe Gutachter ausgewählt, negative Ergebnisse werden mit tatortreifen Methoden unterdrückt. Auch Gesundheitsschäden werden in Kauf genommen, um gefährliche Substanzen noch eine Weile auf dem Markt halten zu können.

Klarheit ohne eigene Recherche

Der amerikanischen Tabakindustrie gelang es beispielsweise, die Deklarierung des Tabaks als Suchtmittel fünfzehn Jahre zu verschleppen. Begünstigt wird die Manipulation durch Publikationsklauseln, die den akademischen Autor an seinen Geldgeber binden. Nicht selten kommt es auch vor, dass akademische Autoren in der Autorenzeile von Studien firmieren, die in Wirklichkeit von der Wirtschaft geschrieben wurden. Wer glaubt da noch an die Unabhängigkeit der Wissenschaft?

Kreiß stützt sich in seinen Fallstudien auf wenige Bücher und fügt kaum eigene Recherche hinzu. Für die deutschen Verhältnisse bedient er sich fast ausschließlich bei einem Dossier der „Zeit“. Für die angekündigte erste Synthese seit zwanzig Jahren ist das wenig. Unklar bleibt, ob das Buch mehr als ein Streubild bietet, das sich auf die spektakulärsten Fälle stützt. Missstände benennt der Autor dagegen mit wünschenswerter Klarheit, etwa dass Bankenhörsäle an Universitäten und Wirtschaftsgelder in Schulen nichts verloren haben. Auch im Detail unterbreitet er sinnvolle Vorschläge, wie Fonds für Stiftungsprofessuren, in die Unternehmen ihre Gelder einspeisen, ohne über ihre Verwendung bestimmen zu können. Er scheut aber auch nicht den Basta-Stil. Geldinteressen haben aus seiner Sicht in der Wissenschaft nichts zu suchen. Der Ausfall von 1,3 Milliarden Euro an wirtschaftlichen Drittmitteln sei leicht zu verkraften.

Transfer der Methoden

Das Urteil fällt umso leichter, als der Autor sich die Mühe spart, die Folgen im Einzelnen nachzurechnen. In der Medizin, die für Medikamentenzulassung und klinische Studien den größten Geldstrom aus der Wirtschaft verzeichnet, wäre der Preis der Unabhängigkeit auch eine gewaltige Subventionierung der Pharmaindustrie, deren Zulassungsstudien nun der Staat bezahlen müsste. In anwendungsorientierten Disziplinen wie den Ingenieurswissenschaften gehen aus Kooperationen für beide Seiten wertvolle Anstöße hervor. Solange es nicht zum kapitalen Ausbau der Grundfinanzierung kommt – und der politische Wille dazu ist nicht zu erkennen –, riskiert ein Pauschalverbot eine Leerstelle zwischen Theorie und Praxis.

Umzukehren wäre auch das Leitbild der unternehmerischen Hochschule selbst. Das ist keine Unmöglichkeit, aber anders als der Autor suggeriert auch ein politischer Kraftakt. Das Buch liefert zumindest einen sinnvollen Anstoß, den aus dem Ruder gelaufenen Trend zur fremdfinanzierten Projektforschung zu korrigieren. Es opfert auch nicht die Intuition, dass die Universität als Instanz einer bestimmten Form von Wahrheit besonderen Schutz vor ökonomischen Interessen verdient. In der Konsequenz ist Kreiß zuzustimmen, wenn er schreibt, dass die Wissenschaft durch ein einseitiges Prämiensystem ein immer strafferes geistiges Korsett angelegt bekomme. Auch wenn das Fremdheitsgefühl weniger vom Geld der Wirtschaft als vom Transfer ihrer Methoden kommt.

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