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Wissenschaftselite : Aus gutem Haus

Hochamt der Wissenschaft: Nobelpreisbankett in Stockholm Bild: AFP

Der Weg in die obersten Etagen der Wissenschaft führt über Leistung, lautet das akademische Credo. Aber ein bürgerliches Elternhaus oder ein Professor als Vater schadet nicht.

          Wissenschaft versteht sich als Verdienstorden, der sich auch in der Auswahl seiner Mitglieder am Objektivitätsideal orientiert. Man bleibt unter sich und rekrutiert nach eigenen Regeln. Der Neutralitätsanspruch ist verfahrenstechnisch abgesichert. Wer eine Professur erreichen will, durchläuft ein standardisiertes Verfahren, wird von Peers geprüft und nach Kennziffern gerankt und ist auch später, bei der Mittelvergabe, der Leistungskontrolle unterworfen. Dass auch ökonomische und soziale Faktoren bei der akademischen Auslese eine Rolle spielen, ist trotzdem kein gewagter Verdacht, schon wegen der Unwägbarkeiten akademischer Karrieren. Aber auch wegen der Usancen des Milieus. Wer den elaborierten Code nicht beherrscht und einen ironischen Ton plump pariert, wird in der Beletage der akademischen Welt schwer Anerkennung finden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Bisher gab es nicht allzu viele Studien zum Einfluss der sozialen Herkunft auf den wissenschaftlichen Erfolg. Eine beeindruckend konzise hat jetzt die Soziologin Angela Graf vorgelegt. Anders als ihre Vorgänger subsumiert sie unter dem Elitebegriff nicht die gesamte Professorenschaft, sondern nur die Träger höchster akademischer Ehren, des Nobelpreises und des Leibniz-Preises, sowie die Präsidenten der großen Forschungsgesellschaften. Das Sample summiert sich auf vierhundert Personen. Graf untersucht die Curricula über einen Zeitraum von siebzig Jahren.

          Das Ergebnis ist kein Mythensturz, aber in seiner Eindeutigkeit überrascht es. Beide Gruppen zeigen eine ausgesprochen hohe soziale Homogenität. Zu gut zwei Dritteln stammt die Wissenschaftselite aus dem Bürgertum, zu 27 Prozent sogar aus dem Großbürgertum, was um so mehr ins Gewicht fällt, als darunter nur ein Prozent der Gesamtbevölkerung fällt. Über fünfzig Prozent sind Töchter und Söhne höherer Beamter und leitender Angestellter. Gut die Hälfte hat einen promovierten Vater, vierzehn Prozent kommen aus einem Professorenhaushalt. Nur ein Nobelpreisträger ist Arbeiterkind: der Biochemiker Hartmut Michel, dem 1988 die höchste Weihe zuteilwurde.

          Was Hans-Olaf Henkel zur Ausnahme macht

          Die Elite ist männlich. Nur zwei Frauen, Dagmar Schipanski (Wissenschaftsrat) und Margret Wintermantel (Hochschulrektorenkonferenz), schafften es bis an die Spitze einer der großen Förderorganisationen. Die Forschungsgesellschaften hatten noch nie eine weibliche Spitzenkraft. Was mit Binnendifferenzen im akademischen Feld zu tun hat: Auf der Führungsebene der Organisationen dominieren Naturwissenschaftler, besonders bei den Forschungsgesellschaften und der DFG. Die Juristen haben ihre jahrzehntelange Dominanz bei den Förderorganisationen verloren. Bei den Preisträgern, die stärker aus dem Bildungsbürgertum kommen, zeichnet sich im Verlauf der siebzig Jahre eine leichte Tendenz zur sozialen Öffnung ab, während die Amtsinhaber, meist wirtschaftsbürgerlicher Provenienz, sogar noch exklusiver wurden.

          In allen Gruppen dominiert ein konventioneller Bildungsgang. Nur acht kamen über den zweiten Bildungsweg in die Wissenschaft. Die meisten bewegten sich fast ausschließlich im wissenschaftlichen Feld, allerdings auf verschiedenen Bahnen. Die Präsidenten der Förderorganisationen blieben während ihrer Laufbahn an den Universitäten. Graf ordnet sie dem Typus des Wissenschaftspolitikers zu: enge Bindung an die eigene Organisation, Tendenz zur Hauskarriere. Die Präsidenten der Forschungsgesellschaften sind eher Wissenschaftsmanager, sie stehen der Wirtschaft am nächsten. Aus ihren Reihen kommt auch der einzige Nichtwissenschaftler, Hans-Olaf Henkel, der ohne Promotion an die Spitze der Leibniz-Gemeinschaft gelangte. Die Preisträger bewegten sich souveräner zwischen universitären und außeruniversitärem Strukturen und waren öfter im Ausland. Allem Mobilitätsgeraune zum Hohn waren die Eliten dort selten. Nur rund 23 Prozent zog es während ihres Studiums in die Ferne.

          Die Karriereschritte bewältigte man zügig bis zur letzten Stufe, der ordentlichen Professur. Besonders die Nobelpreisträger ließen sich Zeit auf der finalen Etappe. Zehn Prozent waren ohne feste Professur, ein Fünftel unhabilitiert, als sie den Adelstitel der Wissenschaft erhielten. Die Nobelpreisträger sind bei Graf die Künstler und Vagabunden im Feld des phantasielos strengen homo academicus, die sich, ganz dem eigenen Interesse folgend, mit Eleganz und Leichtigkeit im akademischen Feld bewegen, während die Amtseliten auf geraden Karrierepfaden ihr politisches Kapital hamstern müssen.

          Doch auch der akademische Artist schöpft nicht aus dem Nichts. Das Flair der Anstrengungslosigkeit, die Offenheit für Idiosynkrasien und Seitenwege kommt für Graf nicht von ungefähr, sondern durch ökonomische Abgesichertheit und familiäre Kenntnis des Feldes. Wer über diesen Hintergrund nicht verfügt, schaut, dass er auf geradem Weg schnellstmöglich ans Ziel gelangt. Hürden gibt es auch so genug. All das lässt sich an den Zahlen ablesen, die Graf auf den Tisch legt. Sie überzieht ihre These nicht: Wer keine gescheite Publikation zustande bringt, wird es in der Wissenschaft zu nichts bringen und hätte, falls doch, keine Freude an seinem Job.

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