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Akademischer Mittelbau : Wege aus dem Ordinariat

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr unter sich: Junge Ärzte an der Universität Heidelberg beim Brainstorming im Hörsaal. Bild: ddp

Das „Tenure Track“-Programm soll die verkrustete Personalstruktur an den Hochschulen aufbrechen. Die Chance zum Systemwechsel ist da, dafür muss sich aber vieles ändern.

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          Nach einem Standardmodell der Institutionentheorie lassen sich Organisationen auf dreierlei Arten indirekt steuern: durch die Art ihrer formalen Organisation, durch Geld und durch Personal. Über die Organisationsform deutscher Universitäten wurde jahrzehntelang erbittert gestritten: Fachbereiche oder Fakultäten? Rektorate oder Präsidien? Hochschulräte? Verfasste Studentenschaft, Gruppenuniversität. Als sich diese Kämpfe erschöpft hatten, verlagerte sich die Hochschulpolitik auf den Steuerungsfaktor Geld: Abbau der Grundfinanzierung zugunsten von drittmittelgeförderter Projektforschung. Inzwischen macht sich auch hier Überdruss breit; allzu viel Zeit fließt in das Antrags- und Begutachtungswesen. So liegt der Schwerpunkt der Hochschulreformen seit einiger Zeit auf der Steuerungsebene Personal: Wie lassen sich Personalkonzepte, Karrierewege und Dienstrecht im Sinne der Leistungsfähigkeit der Universitäten weiterentwickeln? Wie kann gleichzeitig mehr Verlässlichkeit bei der Planung einer wissenschaftlichen Karriere geboten werden? Dabei wurde zuletzt besonders über den Übergang vom Mittelbau zur Professur diskutiert. Als Königsweg einer zukunftsweisenden und international anschlussfähigen Reform wissenschaftlicher Karrieren gilt vielen dabei die Einführung des „Tenure Track“ als Standardmodell für Berufungen.

          Im Kern bezeichnet der Begriff Tenure Track ein Modell, das sich in den USA in der heutigen Form Mitte des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat. Der Weg zu einer Lebenszeitprofessur führt nach diesem Modell über befristete Professuren, die sich von Assistentenstellen durch eine Reihe von Merkmalen unterscheiden: durch wissenschaftliche Unabhängigkeit, Besetzung im Wettbewerb nach öffentlicher Ausschreibung, attraktivere Ausstattung, eigenes Budget, eigene Personalverantwortung, alle akademischen Rechte der Professur und einen begrenzten, aber attraktiven Zeithorizont von fünf bis acht Jahren zur Etablierung. Im Normalfall sollen Nachwuchswissenschaftler zwei bis vier Jahre nach der Promotion auf eine befristete Professur berufen werden. Nach fünf Jahren werden die Leistungen in Forschung und Lehre evaluiert. Positiv evaluierte erhalten „tenure“, also eine Lebenszeitprofessur in einer höheren Stellenkategorie. Wissenschaftliche Karrieren werden auf diese Weise planbarer: Es gibt klare und transparente Erfolgskriterien, und der Zeitpunkt, zu dem über Aufstieg oder Ausstieg entschieden wird, steht einigermaßen fest.

          Das Problem, auf das der „Tenure Track“ eine Antwort sein soll, schleppt die deutsche Universität seit einem halben Jahrhundert mit sich herum. Es ist nämlich nicht ohne Ironie, dass die Hochschulreformen seit 1968 zwar so gut wie alles mindestens einmal verändert, die Änderungen wieder revidiert und die Revisionen wieder infrage gestellt haben, nicht aber das, wogegen man am Anfang vor allem war: das Lehrstuhlprinzip. Der Mittelbau und die verfasste Studentenschaft wurden anerkannt und so die Gruppenuniversität geschaffen, Studiengänge wurden reformiert und Forschungsfinanzierung externalisiert, aber die Idee des Ordinariats blieb, zumindest im Kern, erhalten.

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