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Tariq Ramadans Islamismus : Ein Dozent des unfreien Denkens

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Integration des Westens in die Welt des Islam: Tariq Ramadan Bild: AP

Fristlos hatte die Universität Rotterdam den Sozialphilosophen Tariq Ramadan wegen seiner Moderatorentätigkeit für eine von der iranischen Regierung mitfinanzierte Fernsehsendung entlassen. Der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban erklärt Ramadans eigenwillig-integrative Lehrposition.

          Die Universität Rotterdam hat den Sozialphilosophen Tariq Ramadan vor kurzem fristlos entlassen. Seit 2007 lehrte er, der auch Gaststipendiat des Oxforder St. Anthony's College ist, in den Niederlanden als Gastdozent. Der Entlassungsgrund war Ramadans Arbeit als Moderator für einen weitgehend von der iranischen Regierung finanzierten Londoner Fernsehsender.

          Wer ist, genauer: wofür steht Tariq Ramadan, der auch hierzulande von manchen als besonders elegante Erscheinung muslimischer Intellektualität diesseits der Unterscheidung von Fundamentalismus und Säkularität angeschwärmt wird? Der Ansatz der muslimischen Liberalreformer, der zur Akzeptanz des modernen Säkularstaates führen soll, erlebt in den letzten zwanzig Jahren eine starke Konkurrenz von Seiten der Islamisten. Sie erheben den Anspruch, ein islamisches Recht für die Muslime im Westen, zu entwickeln - mit der Konsequenz, dass der Begriff „Euro-Islam“ von Bassam Tibi heute undifferenziert sowohl für den säkularen Ansatz der Liberalreformer, der einen theologischen Charakter hat, verwendet wird und genauso für den islamistischen Ansatz der Salafi-Reformer, der aber einen islamjuristischen Charakter hat. Die Hauptvertreter dieses islamjuristischen Ansatzes sind die Fiqh-Räte von Europa und Nordamerika und Tariq Ramadan.

          Eine opportunistische Haltung, um den Westen zu missionieren

          Ihre Grundposition besagt, dass die Muslime die Integration in die westlichen Gesellschaften vermeiden und ihre eigenen Gemeinschaften auf der Basis der Scharia bilden sollen. Ausgehend von der religiösen Freiheit im Westen fordern sie ihr Recht auf eine islamische Lebensweise und hoffen langfristig, die schariakonforme Änderung unserer säkularen Gesetze zu erreichen. Für die Begründung der islamischen Lebensweise stützen sie sich auf einen Zweig des islamischen Rechtes, der als fiqh al-nawazel bekannt ist.

          Dieser Fiqh war historisch ein Ausnahmerecht und behandelte Ereignisse, die im klassischen Recht nicht vorgesehen waren. Das trifft für die Niederlassung der Muslime im Westen zu, die entgegen den früheren Verboten nun dauerhaft unter der Herrschaft der Ungläubigen leben. Scheich Yusuf al-Qaradawi, der Vorsitzende des Europäischen Fiqh-Rates, hat dieses Ausnahmerecht übernommen und versucht es für das Leben im Westen zu systematisieren.

          Die entwickelten Prinzipien für dieses Recht gelten nur für den Westen und haben nach al-Qaradawi einen vorübergehenden Charakter. Sie sollen nichtkonformes Schariaverhalten rechtfertigen. Eine westliche Ehefrau etwa, die zum Islam konvertiert, darf danach bei ihrem nichtmuslimischen Mann bleiben, in der Hoffnung, er konvertiert auch. Im Orient müsste sie sich nach wie vor scheiden lassen. Das ist in der Tat eine opportunistische Haltung, um den Westen zu missionieren. Die Mission ist übrigens die Hauptrechtfertigung für den Verbleib der Muslime im Westen.

          Das Gemeinwohl der Muslime

          Al-Alwani, Exvorsitzender des „Fiqh Council of North America“, vertritt eine ähnliche Grundposition, unterscheidet sich von al-Qaradawi jedoch in seiner Betrachtung dieses Ausnahmerechtes: Es soll als Erweiterung des klassischen Rechtes dauerhaft bestehen. Er nennt diesen Fiqh-Zweig „fiqh al aqalliyyat“, Scharia im Westen (islamisches Recht für muslimische Minderheiten im Westen).

          Eine schillernde Figur des islamistischen Euro-Islam ist Tariq Ramadan. Er lehnt wie die Fiqh-Räte die Theologie kategorisch ab: „Es gibt keine islamische Theologie“, schreibt er in seinem Buch „Western Muslims and The Future of Islam“. Die islamische Glaubenslehre, die Aqida, sei klar und unmissverständlich. Der Begriff tawhid drücke am besten die absolute Einsheit Gottes aus und brauche keine Theologie, so Ramadan weiter, Gott habe im Koran dem Menschen seine Namen offenbart, damit sie ihn kennenlernen und niemals, damit sie ihn definieren.

          Deshalb ist Ramadan gegen das freie Denken, das er als das größte Risiko für den freien, selbstverantwortlichen Menschen betrachtet, wenn dieser „denkt, mit seinem Intellekt allein die Welt lesen und verstehen zu können“. In Ramadans Vorstellung, die auf dem Glauben beruht, ist der Analogieschluss der muslimischen Gelehrten anstatt des deduktiven Syllogismus der Freidenker die einzig gültige Denkart. Für die Anpassung an die Moderne bleibt Ramadan nur der Fiqh. Wie al-Qaradawi geht er vom islamischen Prinzip des Gemeinwohls der Muslime aus - maslaha - wie es von al-Ghazali im 11. Jahrhundert definiert wurde. Danach bedeutet maslaha Schutz der Religion, des Lebens, des Intellekts, der Nachkommenschaft und des Eigentums der Muslime. Und wie al-Qaradawi spricht er von Mission, fiqh al-da'wa.

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