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Studienzulassung : Das große Nachrücken

Kein Studienplatz frei Bild: AP

Nicht jeder findet einen Studienplatz im erwünschten Fach und schon gar nicht an der bevorzugten Universität. Zugleich bleiben, Schätzungen zufolge zwischen zehn und fünfzehn Prozent der Plätze unbesetzt. Wie kann beides sein?

          In jedem Jahr trifft in Deutschland ungefähr eine Viertelmillion Studienbewerber auf Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen. Nicht jeder findet einen Studienplatz im erwünschten Fach und schon gar nicht an der bevorzugten Universität. Zugleich bleiben, Schätzungen zufolge, auch in Fächern, für die es mehr Bewerber als Studienplätze gibt, zwischen zehn und fünfzehn Prozent dieser Plätze unbesetzt. Und das, obwohl die Hochschulen einer Pflicht zur Ausschöpfung ihrer Kapazitäten unterstehen. Wie kann beides sein?

          Ein Studienberater der Universität Karlsruhe - heute „Karlsruher Institut für Technologie“ - hat sich jetzt der Mühe unterzogen, diesen Zusammenhang aufzuklären und zu fragen, wie man Irrationalitäten bei der Vergabe von Studienplätzen verhindern kann (Christof Müller, „Wie lässt sich die Zulassungsinformation der Studieninteressenten verbessern?“, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Band 229/5, 2009).

          Der Grund für die Ineffizienz der Studienplatzvergabe liegt, wie Müller plausibel nachweist, in einer zu geringen Transparenz des Verfahrens für mögliche Bewerber. Über die Bewerbung von Studierwilligen wird an den Hochschulen zumeist nach ihrem Notendurchschnitt im Abitur und wenigen zusätzlichen Kriterien wie Wartezeit oder Sozialstatus entschieden. Auf der Grundlage dieser Entscheidung können die Hochschulen für jedes Fach einen Abiturdurchschnitt ausrechnen, mit dem eine Bewerbung an ihrem Standort erfolgreich ist.

          Mehrere Zulassungen

          Doch die tatsächliche Nachfrage nach Studienplätzen ist deutlich geringer, als es die Zahl der Bewerber vermuten lässt. Denn viele Abiturienten bewerben sich an mehreren Hochschulen, und viele erhalten auch mehrere Zulassungen. Aber selbstverständlich treten sie das Studium nur an einem einzigen Studienort an. Also rücken an fast allen Universitäten zahlreiche Bewerber nach. Für die Universität Karlsruhe lag im Wintersemester 2006/7 die Zahl der Bewerber im Fach Wirtschaftsingenieurwesen beispielsweise beim mehr als Sechsfachen der vorhandenen Studienplätze. Tatsächlich bekam aber fast jeder dritte Bewerber ein Studienplatzangebot. Gerade die Spitzenhochschulen müssen mit niedrigen Annahmequoten rechnen, da sich an ihnen vor allem die Spitzenbewerber voranmelden, die dann über zahlreiche Zulassungen verfügen.

          Da die Hochschulen aber einen niedrigen Numerus clausus als Symbol ihrer Begehrtheit schätzen, veröffentlichen sie lieber die Bewerbungsintensität als ihre Zulassungsquote oder gar ihre Kapazitätsauslastung. Liegt letztere unter 100 Prozent, bestünde zwar ein erhebliches öffentliches und privates Interesse daran, das zu erfahren, aber eben kein universitäres. Durch die Mitteilung der Abiturdurchschnittsnote des letzten Bewerbers, der noch einen Studienplatz erhalten könnte, wenn alle besten Bewerber auch tatsächlich kämen, entsteht dann der irrige Eindruck, ohne eine Eins vorm Komma der Abiturnote sei ein Studium in den meisten Fächern nahezu unmöglich. Dabei bestimmt die Abiturnote in vielen Fällen mehr, wo man das gewünschte Fach studieren kann.

          Eine unbekannte Zahl

          Um realistisch einschätzen zu können, ob ihre Bewerbung chancenreich ist, müssten die Abiturienten also nicht wissen, welchen Notendurchschnitt alle Mitbewerber haben. Vielmehr müssten sie die Zahl und durchschnittliche Abiturleistung der Personen kennen, die eine erste Präferenz für den Studienort haben, an dem auch sie studieren wollen. Das aber ist, wie Müller schreibt, bei konsequent dezentralisierten Zulassungsverfahren eine unbekannte Zahl. Da zwischen den Hochschulen kein Abgleich der Bewerberdaten stattfinde, sei die tatsächliche Nachfrage nach Studienplätzen in Deutschland eine nicht genau bekannte Größe. Insbesondere die Inhaber guter Abiturzeugnisse erhalten auf diese Weise einen Anreiz, sich an möglichst vielen Hochschulen zu bewerben, was ebenjenes Informationsproblem verschärft, die Nachrückzeiten immer länger werden lässt und den Verwaltungsaufwand in die Höhe treibt.

          Zusätzlich intransparent wird die Studienzulassung durch zahllose Ausnahmeregeln und verschiedene lokale Bewertungsspezialitäten. Eine Studie des „Hochschul-Informationssystems“ aus Hannover hat für 2005 an deutschen Hochschulen zweihundert verschiedene Auswahlverfahren festgestellt. Müller plädiert für eine einzige Leistungszahl als Kriterium, die Publikation der entsprechenden Grenzwerte aus dem letzten Nachrückerverfahren je Fach und Universität sowie für die Einschränkung von lokalen Ermessensspielräumen und Zulassungsexperimenten bei der Studienplatzvergabe. Vor allem, was die Publikation informativer Informationen angeht, kann man dem nur zustimmen. Sie lässt sich nahezu kostenlos bewerkstelligen, und der Steuerzahler hat außerdem einen Anspruch darauf zu erfahren, ob und wie Hochschulen die hochsubventionierte Studienplätze besetzen.

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