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Studenteninitiative : Wer glaubt heute noch an Mythen?

Darf man auch künstlich erzeugte Herkunftsmythen als solche bezeichnen? Bild: Allstar/NEW LINE CINEMA

Die Gießener Studenteninitiative Ignis fragt, ob nicht am Ende auch der Mythos nur ein Mythos ist. Nebenbei wollen die Studenten in Eigenregie interdisziplinäre Schlüsselqualifikationen erwerben. Gelingt das?

          Obwohl erst im Jahr 2005 ins Leben gerufen, ist die Studenteninitiative „Ignis“ schon jetzt eine der traditionsreichsten ihrer Art. Ausgeschrieben heißt das Akronym: „Initiative Gießener Studierender zum Erwerb interdisziplinärer Schlüsselqualifikationen“, was eine Reihe von Fragen aufwirft. Zum Beispiel, ob diese Schlüsselqualifikationen nicht eigentlich im regulären Studium oder zumindest einem Studium Universale erworben werden sollten. Warum braucht man dazu eine Studenteninitiative? Auch ein überzähliger Buchstabe sorgt für Verwirrung: Wofür steht das „n“ in Ignis? Überliefert ist die Antwort nicht. Das aktuelle Organisationsteam verweist auf die bereits ausgeschiedenen Gründer und zieht in Erwägung, dass dem „n“ möglicherweise auch gar nichts entspreche und dass es nur dazu diene, das lateinische Wort „ignis“, zu Deutsch „Feuer“, zu vervollständigen. Eine brennende Fackel ziert auch das seinerzeit kreierte Ignis-Emblem, das ein wenig an Plakatsymbole für Spartakiaden erinnert. Was insofern nicht weit hergeholt wäre, als die Initiative am Lehrstuhl für Altertumswissenschaften entstand.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Warum gerade hier? Das Organisationstrio, bestehend aus Kristin Rudersdorf (Latein und Geschichte fürs Lehramt), Saskia Schomber (Gräzistik und Latinistik) und Florian Sommerkorn (Archäologie und Alte Geschichte), hat eine einleuchtende Erklärung: weil die Altertumswissenschaften wegen der Abgeschlossenheit ihres Gegenstands ein besonderes Interesse am interdisziplinären Austausch haben - zur Schärfung der eigenen Methodik. Ansonsten sind sich die drei Studenten in der Grundhaltung einig, dass Ignis letztlich wohl auf eine Strukturschwäche des Bachelor-Studiums reagiert. Es gebe nun einmal Studenten, die gerne früher wissenschaftlich arbeiten möchten, als man es ihnen zutraut.

          Plötzlich ist alles mythisch

          Geht man dem recht jungen Ignis-Gründungsmythos nach, befindet man sich jedenfalls schon mitten im Thema der am Wochenende veranstalteten, jüngsten Tagung der Studenteninitiative. Sie widmete sich dem „Mythos vom Mythos“, einer, darin sind sich viele klassische Definitionsversuche einig, erzählerischen Struktur, die durch Begriffe (den Logos) nicht zu fassen ist, die der Bildhaftigkeit nahesteht und oft Überlieferungslücken aufweist, welche die Phantasie erst richtig in Schwung bringen. Ein Ergebnis dieser Tagung würde in der Erkenntnis bestehen, dass, wenn man nicht aufpasst, plötzlich alles mythisch ist.

          Mehr als fünfzig Thesenpapiere aus den unterschiedlichsten geisteswissenschaftlichen Disziplinen waren bei Ignis nach Bekanntgabe des provokativen Tagungsmottos eingelaufen. Zehn Studenten und Doktoranden wurden von den drei Kommilitonen ausgewählt. Nicht-studentisch waren an der Tagung allenfalls noch die Einführung von Carsten Schmieder, Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität Berlin, und ein Abendvortrag der Münchner Professorin Susanne Gödde über antike Gründungsmythen. Tagungsort war das an ein Dorfgemeinschaftshaus erinnernde Alexander-von-Humboldt-Haus gegenüber einem blühenden Apfelhain auf dem Gelände des Philosophicums II.

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