https://www.faz.net/-gqz-8hk6e

Streit um Mathe-Abitur : Denken darf hier nur der Taschenrechner

  • -Aktualisiert am

Mathematik ist nach Paul Lockhart „the music of reason“. In Niedersachsen hingegen leider eine Kakophonie stumpfer Befehle. Bild: dpa

Ein stumpfsinniger Stresstoleranztest: Niedersachsens Kultusministerium muss die Mathe-Klausuren der Abiturienten neu bewerten. Wie man es besser macht, zeigen die Finnen. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Das Mathematikabitur 2016 in Niedersachsen, das nun nach massiven Beschwerden weniger streng bewertet wird, muss für viele Betroffene, schwache wie starke Schüler, das Grauen gewesen sein. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt ließ gleich nach den ersten heftigen Protesten höchstpersönlich verlauten, dass die Aufgaben anspruchsvoll, aber vom Schwierigkeitsgrad leistbar gewesen seien und den Vorgaben entsprochen hätten. Das ist erstaunlich. Denn in fachlicher Hinsicht ist die zugrundeliegende Mathematik als einfach bis banal zu bezeichnen. Die Aufgabensteller scheuten jedoch keine Mühe, die simplen und rein schematisch lösbaren Aufgaben mit einem Textwust zu versehen, der Realitätsbezug und Anspruch vorspiegeln soll. Schwammige Formulierungen und Gedankensprünge taten ein Übriges. Hier ist der Beginn einer der Schreckensaufgaben:

          „In einem Betrieb wird im Produktionsprozess ein Gas verbraucht. Dazu wird das benötigte Gas durch eine Leitung aus dem Gastank in die Produktionsstätte geleitet. Das hierbei pro Zeit durch die Leitung strömende Gas wird als Gasstrom bezeichnet. Dieser wird in Litern pro Stunde (L/h) gemessen, die Zeit in Stunden (h). Der Arbeitstag in dem Betrieb dauert 14 Stunden, am Ende des Arbeitstages wird das Ventil des Gastanks geschlossen.“

          Nun soll der Prüfling den Betriebsleiter bei seinen Entscheidungen unterstützen. Dazu gibt es die Information aus „Langzeitmessungen“, wo genau zu jeweils vier Zeitpunkten (nach 0 h, 4 h, 6 h und 10 h) der Gasstrom bestimmt wurde und dass es zu zwei bestimmten Zeitpunkten (nach 2 h bzw. 12,2 h) „Spitzenwerte“ geben soll, deren Größe jedoch verheimlicht wird. Kann sich ein Prüfling einen Betrieb vorstellen, der in einer solchen Weise die Information über offenbar gemittelte kontinuierliche Messungen verstümmelt? Nein. Nun wird auch noch kundgetan, dass der Betriebsleiter eine Modellfunktion für den Gasstrom kennt, die ausgerechnet die folgende vom Himmel gefallene Gestalt hat:

          –3t⁴ + 88t³ – 816t² + 2304t + 2000,

          0 ≤ t ≤ 14

          Die Kakophonie stumpfer Befehle

          Wo ist die Modellierung? Das soll doch laut Mantra der Mathematikdidaktik der Schüler als Kompetenz nachhaltig können wollen müssen? Warum lässt man den Prüfling nicht aus den mickrigen Vorinformationen die ganzrationale Funktion vierten Grades selbst suchen – mit dem Rechner, weil er es nicht anders gelernt hat? Spätestens jetzt weiß der aufgeklärte Prüfling, dass es sich nur um eine mit Gas aufgeblasene Kurvendiskussion mit einer Liste von Zusatzfragen handelt. Selber rechnen und die Gasstory verstehen muss der Prüfling nicht. Nur Eintippen in den Rechner ist gefordert, also Wendepunkt angeben, ein Integral ausrechnen und vieles mehr – alles mit Gas vernebelt. Welche Einsichten hat der Prüfling danach gewonnen? Keine. Hat es wenigstens Freude bereitet? Nein. Der Abiturient muss nach dieser intellektuellen Folter denken: Mathe ist unendlich öde und stumpfsinnig, weil es nur eine Übersetzung von Textanweisungen in Rechnerbefehle erfordert. Das ist also der Stresstoleranztest einer kompetenzorientierten Prüfung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aufflammender Antisemitismus : Wer jetzt schweigt

          Gerade bezeugen wir wieder, dass viele „Israel-Kritiker“ den Nahostkonflikt nicht verstehen. Sie wollen nicht sehen, was die Hamas anrichtet. Und auf der Straße zeigt der Antisemitismus sein Gesicht.
          Impflinge haben nach ihrer Impfung gegen Corona ein Pflaster auf dem Oberarm.

          Inzidenz und Impfrekord : Ist das der Anfang vom Ende der Pandemie?

          Die Inzidenz sinkt bundesweit unter 100, die Zahl der Impfungen erreicht einen Rekordwert. Das stimmt selbst den Gesundheitsminister optimistisch. Doch Fachleute blicken schon auf eine weitere Variante des Virus.
          Menschen sitzen am 16. April in einer Straße im Londoner Stadtteil Soho an Restauranttischen.

          Steigende Infektionszahlen : Indische Mutante bedroht britische Lockerungen

          Die Briten freuen sich auf weitere Öffnungsschritte. Aber die sind in Gefahr. Denn die indische Corona-Mutante breitet sich im Land aus. Wissenschaftler warnen, dass es schon bald zu mehr Krankenhauseinweisungen kommen könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.