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Streit um Mathe-Abitur : Denken darf hier nur der Taschenrechner

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Denn schon Anfang 2006 hätte man das ähnlich gelagerte Mathematikfiasko in den Niederlanden zur Kenntnis nehmen können, das zu einem offenen Brief (als „Lieve Maria“ bekannt) von Studenten an die damalige Wissenschaftsministerin Maria van der Hoeven führte. Die Studenten kritisierten, dass das niedrige Niveau des schulischen Mathematikunterrichts zu großen Schwierigkeiten im Studium führt. Nach einer langen öffentlichen Diskussion ließ sich das Ministerium immerhin zur Teilumkehr bewegen. Einen offenen Brief (laut Braunschweiger Zeitung) hat auch unsere „Liebe Frauke“ von einer engagierten Goslarer Gymnasiallehrerin bereits erhalten. Warten wir also auf die Umkehr.

Fragen zur österreichischen Einkommensteuer

Dass es auch anders geht, zeigt das aktuelle Mathematikabitur aus Finnland: Dreizehn kurze, leicht verständliche Aufgaben, die grundlegende Rechentechniken, aber auch mathematisch-abstraktes Denken erfordern, und bei denen man nicht erst rätseln muss, was der Aufgabensteller wohl gemeint haben könnte. Die Aufgaben stehen gleich nach den Prüfungen im Original zur öffentlichen Diskussion auf den Websites der großen Tageszeitungen und Fernsehsender zur Verfügung. Das ist eine echte „Qualitätssicherung“, die sogar ganz ohne „Institute“ auskommt. Und die verhindert, dass sich ein handverlesener Kreis von „Experten“ ins stille Kämmerlein einschließt und seine ganz eigenen Vorstellungen davon entwickelt, welche mathematischen „Kompetenzen“ ein Studienanfänger wohl gerade gebrauchen könnte.

In Österreich hat man mit den acht parallelen Zentralmatura-Versionen (eine allgemeine und sieben berufsbildende) im Wesentlichen den Aufschluss zu Deutschland gesucht und gefunden. In der allgemeinen Version (AHS) gibt es Multiple-Choice-Aufgaben aus der untersten Schublade. Man geniert sich an der Donau auch nicht, Dreisatz und Prozentrechnung zum wesentlichen Prüfungsthema zu machen und dafür fünfmal mehr Punkte zu vergeben als für die kaum noch relevante Geometrie. Ganz offen wurde heuer der Maturant mit Fragen zur österreichischen Einkommensteuer konfrontiert als Verpackung für banale Prozentrechnung.

Die OECD-Agenda hat ihren Preis

Mehr als die ersten neun Schuljahre sind für das Bestehen der Matura eigentlich nicht nötig. Da könnte man doch eigentlich gleich fachverbindend maturieren: Im Fach Deutsch werden der Werbetext und das Tarifsystem für ein Smartphone sprachlich analysiert, für das Fach Englisch wird – mit auszufüllenden Lückentexten, versteht sich – die Übersetzung gefordert und schließlich in Mathematik penibel eine Reihe von Fragen zu den tatsächlichen Monatskosten, die hypothetische User haben, gestellt: Maturierung in praktischer Lebensführung.

Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gilt politisch der OECD-Wille, die Abiturienten- und Maturantenzahlen nach oben zu treiben. Das hat seinen Preis. Da Textverarbeitung einfacher ist als wirkliche Mathematik, gibt es nun immer mehr Text und dahinter immer weniger Mathematik. Das ist, medizinisch gesprochen, wie eine Fibrose, die funktionstüchtiges Organgewebe durch funktionsloses Bindegewebe ersetzt wie im Falle einer Leberzirrhose. Keine gute Prognose.

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