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Streit um Mathe-Abitur : Denken darf hier nur der Taschenrechner

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Nicht weniger absurd ist eine andere Aufgabe des niedersächsischen Abiturs, die wiederum in einer Fabrik spielt. Diesmal wird kein Gas benötigt, sondern einige Fruchtsaftkonzentrate zur Herstellung von zu vertütenden Fruchtgummitieren. Man ahnt es schon: Das einzige, was hier geprüft wird, ist die Fähigkeit, immer wieder neue detail- und zahlenreiche, in der verschrobenen Sprache der Schulmathematik formulierte „Sachzusammenhänge“ in Matrizen und Gleichungen zu übersetzen. Und den Rest den Rechner erledigen zu lassen. Und die Ergebnisse abzulesen und abzuschreiben. Wie heißt es doch in „A Mathematician’s Lament“ (von Paul Lockhart): „Mathematics is the music of reason“. In dem niedersächsischen Abitur ist es jedoch die Kakophonie stumpfer Befehle.

Alles ist kleinschrittig vorgegeben

Hier werden gleich zwei Heilsbringer des postmodernen Mathematikunterrichts als Mythen entlarvt: der Anwendungsbezug und der Rechnereinsatz. Beides soll angeblich dem Schüler den Zugang zur Mathematik erleichtern und den Unterricht vom langweiligen und wenig lehrreichen Abspulen von Rechenrezepten befreien. In der Prüfung wird dann aber genau dieses Abspulen erwartet. Der Rechner dient allein dazu, die schwierigen Rechenschritte durchzuführen, also gerade die, bei denen der Schüler das Beherrschen von grundlegenden mathematisch-handwerklichen Fähigkeiten hätte nachweisen können. Damit er nicht aus Versehen mit dem Nachdenken anfängt, muss er möglichst viele solcher stumpfsinnigen Aufgaben lösen. Im Akkord, ganz wie im späteren Berufsleben.

Bei den ellenlangen Aufgaben wird der Gedankenfluss immer wieder unterbrochen, das eine Mal mit neuen ad hoc-Szenarien, ein anderes Mal mit kontextfreien Zusatzfragen. Dem Niveau ist keine Schranke nach unten gewiesen. Ein bloßes Ablesen einer Zahl aus einem Diagramm oder einer Tabelle punktet schon. Dennoch bleibt der Prüfling ständig verunsichert: „Verstehe ich richtig, was man da von mir will?“ Die vorgegaukelten Scheinanwendungen sind in sich nicht stimmig und entziehen sich einer logischen Analyse. Der scheinbare Sachbezug stört den begabten Schüler, der zum Kern eines wirklichen Problems vorstoßen und nicht die begrenzte Phantasie des Aufgabenstellers ausloten will. Alles ist kleinschrittig vorgegeben und mit einem Stakkato von Ausführungsbefehlen versehen.

Ein Blick in die Niederlande würde helfen

Hin und wieder versteckt sich hinter einem dieser Schritte eine böse Falle. Erst wird seitenlang die Realität zurechtgebogen, damit sie zur angedachten mathematischen Frage passt, dann gilt unvermittelt wieder die echte Realität. So soll der Prüfling erkennen, dass man Fruchtgummitierchen nicht halbieren kann und in einem Spielcasino nur Beträge auszahlen kann, die auf ganze Cents lauten, obwohl zwölf Jahre lange im Mathematikunterricht die Vereinbarung galt: Wenn es um Preise, Kosten, Gewinne und Verluste geht, dann wird dieses Problem ignoriert. Während die Aufgaben in manchen Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern noch unkostümiert und schlicht formuliert daherkommen, ist Niedersachsen Spitzenreiter bei Mummenschanz und manieriertem Textsalat. Das Ministerium und sein „Landesinstitut für Qualitätssicherung“ (NLQ) haben seit mindestens zehn Jahren nichts dazugelernt und verweigern standhaft ein Vermummungsverbot für Mathematikaufgaben.

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