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Im Interview: Stefan Polónyi : Ingenieurmangel? - Ingenieurausbildung!

  • Aktualisiert am

Königsdisziplin der Ingenieurbaukunst: Brücke über den Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen, die Stefan Polónyi für die BUGA 97 entworfen hat. Bild: Stadt Gelsenkirchen

Die Politik beklagt den Ingenieurmangel und die hohe Abbrecherquote. Dabei könnte eine praxisgerechte Reform des Studiums viele Probleme lösen, sagt der Tragwerksplaner Stefan Polónyi.

          3 Min.

          Industrie, Verwaltung und Beratungsunternehmen beklagen den Mangel an Ingenieuren. Dass deshalb verstärkt ausländische Fachkräfte angeworben werden, ist zu begrüßen. Dessen ungeachtet stellt sich die Frage nach dem eigenen Ingenieurnachwuchs. Der Tragwerksplaner Stefan Polónyi hat an der TU Berlin und der Universität Dortmund gelehrt und führt seit 1957 ein Büro in Köln. Er hat mit Architekten wie Oswald Mathias Ungers, Rem Koolhaas und Claude Vasconi zusammengearbeitet.

          Herr Polónyi, die Quote der Studienabbrecher in den Ingenieurfächern ist sehr hoch. Woran liegt das? Am Aufbau der Studiengänge?

          Das Diplom-Studium gliedert sich in Grundstudium und Hauptstudium. Bei den Bachelor- und Master-Studiengängen ist es ähnlich. Im Grundstudium werden im wesentlichen Mathematik und Mechanik angeboten. Die Mathematik wird für alle Studiengänge durch die mathematische Fakultät verabreicht.

          Was ist daran problematisch?

          Die Mathematik ist für die Ingenieure so wichtig, dass sie nicht den Mathematikern überlassen werden darf. Den Mathematiker interessiert, ob das Gleichungssystem eine Lösung hat. Dem Ingenieur ist das egal, er braucht das Ergebnis. Die Mathematiker wissen nicht, welche Rechenverfahren die Ingenieure brauchen. Der Anteil der Studenten, die wegen der Mathematik abbrechen, ist sehr hoch. Die Mathematik ist für uns ein unentbehrliches Hilfsfach, sie darf aber nicht der absolute Maßstab für die Eignung zum Ingenieur sein.

          Das wichtigste Fach für die Ingenieure ist die technische Mechanik.

          In der Regel wird den Studenten jedoch theoretische Mechanik angeboten, eine abstrakte Wissenschaft, die mit der Natur nichts zu tun hat. Dabei werden Themen und Rechenbeispiele behandelt, die in der Praxis nicht vorkommen. Auf meine Frage, warum er die Studenten mit solchen Aufgaben quäle, antwortete ein Mechanik-Professor: „Zum Aussieben“. Der Mann hat seinen Beruf verfehlt.

          Im Studium steht die Theorie vor der Praxis?

          Ja, das ist so. Es ist, als würde man einem Azubi ein Jahr lang den Hammer lehren und ihm erst im zweiten Jahr den Nagel zeigen. Praktische Fächer werden erst in der Oberstufe angeboten. Dann erfahren die Studenten, dass die Baustoffe sich anders verhalten, als in der Mechanik vorausgesetzt wird, und dass die Tragkonstruktionen anders gestaltet werden als die statischen Systeme, die sie im Fach Statik gelernt haben. Früher hat man die Tragwerke so konzipiert, dass man sie rechnen konnte. Heute kann man mit der verfügbaren Software alles rechnen, Aspekte wie Wirtschaftlichkeit, Herstellung, Nachhaltigkeit oder Gestalt treten in den Vordergrund.

          Mehr Praxis für Ingenieure: der Tragwerksplaner Stefan Polónyi
          Mehr Praxis für Ingenieure: der Tragwerksplaner Stefan Polónyi : Bild: Privat

          Wie lässt sich das umkehren?

          Wie weit eine Reform der Lehre an den einzelnen Hochschulen durchsetzbar ist, hängt auch von den Lehrern ab. 1965 erhielt ich den Ruf auf den Lehrstuhl „Statik und Festigkeitslehre“ an der Fakultät für Architektur der TU Berlin. Ich nahm unter der Bedingung an, dass er in „Tragwerkslehre“ umbenannt wird. Nach und nach folgten alle deutschsprachigen Hochschulen diesem Schritt - bis auf eine. Ihr Lehrstuhlinhaber konnte nur Statik und verstand nichts vom Tragwerk. Also musste man warten, bis er emeritiert war. Es geht damals wie heute auch um Besitzstandswahrung. Die Änderung hat der Ausbildung der Architekten gut getan. Sie zeigt aber auch, dass inhaltliche Reformen an traditionsreichen Lehranstalten lange brauchen.

          Geht es an den neu gegründeten Universitäten schneller?

           Ja, 1973 haben Harald Deilmann, Paul Josef Kleihues, Hermann Bauer und ich an der Universität Dortmund die Fakultät Bauwesen etabliert. Mit drei Studiengängen: B1 Architektur und Städtebau, B2 Konstruktiver Ingenieurbau, B3 Bauproduktion und Bauwirtschaft. Viele Fächer hören alle Studenten gemeinsam, drei Projekte bearbeiten sie, wie in der Praxis, zusammen. Der Schwerpunkt in der Ausbildung der Bauingenieure wird auf Tragwerksplanung und Bauausführung gelegt.

          Konnten Sie die Ausbildungslücke zwischen Ingenieur und Architekt schließen?

          Ja, aber wir wollten weitergehen und die theoretischen Fächer nicht in der Unterstufe auf Vorrat lehren, sondern zu den praktischen Fächern je nach Bedarf beisteuern und nicht behandelte Gebiete additiv anbieten. Mit Rücksicht auf die Studienortwechsler versperrte die Studien- und Prüfungsordnung diese wichtige Reform. Uns wurde schnell klar, dass Reformen unter der Bedingung erwartet werden, dass alles bleibt, wie es ist.

          Müssen sich also Politiker, wie in Nordrhein-Westfalen kürzlich Wissenschaftsministerin Svenja Schulze, weiter Sorgen um die hohe Zahl von Studienabbrechern machen?

          Ich habe der Ministerin Vorschläge unterbreitet. Ein Ministerialbeamter antwortete mir mit Hinweisen auf diverse Gesetze und Paragraphen. So bleibt der Ministerin nichts anderes übrig, als sich weiter Sorgen zu machen.

          Wie müsste eine Reform aussehen?

          Es ist an der Zeit, eine radikale Änderung der Bauingenieurausbildung einzuleiten. Die Rahmen-Studien- und Prüfungsordnungen müssen außer Kraft gesetzt werden. Zwischen den Hochschulen muss ein Wettbewerb um die zeitgemäße, praxisgerechte Gestaltung der Ausbildung eingeleitet werden, die eine fachlich kompetente Kommission begleitet.

          Im Ergebnis heißt das…

          …dass wir weniger Studienabbrecher und bessere, praxisgerecht ausgebildete Ingenieure hätten.

          Das Gespräch führte Andreas Rossmann.

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