https://www.faz.net/-gqz-8ata9

Martin Heidegger : Spricht er selbst, spricht es aus ihm?

Gespenstisches Erbe: Martin Heidegger Bild: © epd-bild / akg-images

Die antisemitischen Stellen der „Schwarzen Hefte“ haben die Adepten Martin Heideggers entzweit. Über dem Streit der Parteien schwebt der Philosoph als Mythos, Medium und Gespenst.

          Gibt es noch Heideggerianer? Letzte Worte sprachen viele, als die Publikation der „Schwarzen Hefte“ im Frühjahr 2014 den Antisemitismus Martin Heideggers belegte. Wer es nicht tat, ist seither in einer schwierigen Situation. Die Verunsicherung unter den Heidegger-Anhängern ist mit Händen zu greifen. Die Heidegger-Gesellschaft ist zur Festung geworden, die immer mehr Mitglieder im Streit mit einem Kuratorium verlassen, das an kritischer Aufarbeitung kein Interesse zeigt.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Klar ist: Auf den bisher publizierten knapp zweitausend Seiten wird Heideggers Antisemitismus an vierzehn Stellen manifest, 1938 zum ersten Mal. Unbeantwortet ist die Frage, ob und wie stark er auch das philosophische Werk berührt, in das er explizit nicht eingegangen ist. Hat man es mit einem symbolischen, ontologischen oder metaphysischen Antisemitismus zu tun? Sollte man nicht eher von Antijudaismus sprechen? Hat Heideggers Judenfeindschaft überhaupt einheitliche Gestalt, oder nimmt sie wechselnde Impulse auf, aus der NS-Propaganda, antijüdischen Fermenten der Geistesgeschichte und aus dem katholischen Herkunftsmilieu?

          Verunglückte Geschichtsphilosophie

          Um diese Fragen haben sich unter Heidegger-Anhängern verschiedene Positionen gebildet. Die erste trennt den Phänomenologen strikt von dem verunglückten Geschichtsphilosophen der dreißiger und vierziger Jahre. Das Unheil nimmt hier seinen Lauf, als Heidegger den existentiellen Entwurf von „Sein und Zeit“ Anfang der Dreißiger unvermittelt auf die völkische Ebene hebt und mit der nationalsozialistischen Machtergreifung kurzschließt. Ernüchtert vom Nationalsozialismus, braucht Heidegger den Juden später als großen Verführer, der die Deutschen von ihrem Auftrag abbringt, gegen die metaphysischen Mächte der Moderne einen neuen Anfang des Seins zu stiften. Auf antisemitische Elemente ist dieser Entwurf nicht angewiesen. Sie stabilisierten das Feindbild, doch das hätten auch Amerikaner oder Bolschewisten getan.

          Diese Deutung vertritt Günter Figal, der ehemalige Präsident der Heidegger-Gesellschaft, der über die Affäre ins Schleudern geriet, sich spät zu einer öffentlichen Distanzierung entschloss und im Januar zurücktrat, weil er für die Person Heideggers nicht mehr einstehen könne. Für Figal, der sich stets mehr für den Phänomenologen als für den Geschichtsphilosophen interessierte, sind die „Schwarzen Hefte“ ein nicht einmal unwillkommener Anlass, Heideggers finstere Eschatologie zu verabschieden und sich auf den zeitlosen phänomenologischen Kern zu besinnen. In der Tragödie liegt ein Moment der Befreiung. „Es geht kein Bekenntnisdruck von Heidegger mehr aus“, sagt Figal im Gespräch. „Es gibt keine Heideggerianer mehr.“

          Purismus des reinen Denkens

          Ob sich Friedrich-Wilhelm von Herrmann noch Heideggerianer nennen würde? Heideggers letzter Privatassistent gilt neben dem Franzosen François Fédier als Gralshüter des philosophischen Erbes. Gemeinsam mit Heidegger plante er in den siebziger Jahren die Werkausgabe. „In keinster Weise“, antwortet er auf die Frage, ob sich die Rezeption des philosophischen Werks durch die „Schwarzen Hefte“ verändert habe. Er spricht ungebrochen in Heideggers Diktion. Von Herrmann hält die geschichtsphilosophische Werkphase nicht für eine ideologische Verunglückung, sondern für einen rein intellektuellen Übergang. Heidegger entdeckt die Geschichtlichkeit des Seins, baut darauf einen geschichtsphilosophischen Entwurf, die Seinsgeschichte, in der diverse metaphysische Mächte, Philosophen, Völker, Ideologien, den Zugang zur ursprünglichen Erfahrung versperren, und stößt irgendwann auf die Juden.

          Weitere Themen

          „Dark – Staffel 2“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Dark – Staffel 2“

          Es geht weiter: Die 2. Staffel der „Dark“-Trilogie ist ab 21. Juni auf Netflix verfügbar.

          Brasilien, quo vadis?

          Polit-Doku bei Netflix : Brasilien, quo vadis?

          Die Filmemacherin Petra Costa porträtiert ihr politisch gespaltenes Heimatland in einer Netflix-Doku auf so persönliche wie erhellende Weise. Sie warnt vor dem Ende der Demokratie.

          Topmeldungen

          Streit mit Frankreich um Weber : AKK gibt nicht nach

          Kramp-Karrenbauer bleibt dabei: Weber soll neuer Kommissionspräsident werden. Das macht sie ausgerechnet in Paris deutlich. Zudem verlangt sie von den Grünen in der Außenpolitik einen klareren Kurs.
          Will ihren WM Titel von 2018 verteidigen: Kickboxerin Marie Lang

          FAZ Plus Artikel: Kickbox-Weltmeisterin Lang : Vom Küken zur Kriegerin

          Als Marie Lang zum Kickboxem kam, war sie ein „megaschüchterner Teenie“ – immer in der Opferrolle, wenn sie in der Disco einer begrapscht hat. Dank ihres Sports und ihres Trainers ist sie nun stark. Nur eines ist geblieben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.