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Sexuelle Belästigung an Unis : Massagen von oben

Geoffrey Marcy Bild: AFP

Kürzlich noch als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt, jetzt vom Amt zurückgetreten: Der Fall des Berkeley-Astronomen Geoffrey Marcy wirft ein Licht auf den Umgang der Universitäten mit sexueller Belästigung.

          Nach dem heftig diskutierten, erzwungenen Rücktritt des britischen Nobelpreisträgers Tim Hunt vor wenigen Monaten hat sich die wissenschaftliche Gemeinschaft dieser Tage einem neuen prominenten Skandal zu stellen, der über bloße Genderfragen hinausgeht und ein anderes, unrühmliches Problem im Umgang der Geschlechter betrifft: sexuelle Belästigung als Mittel und Folge der Machtausübung in wissenschaftlichen Hierarchien.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine sechsmonatige Untersuchung der University of California, Berkeley, war bereits im Juni zu dem Ergebnis gekommen, dass Geoffrey Marcy, einer der bekanntesten amerikanischen Astronomen, in den Jahren zwischen 2001 und 2010 in mindestens vier Fällen gegen die universitären Richtlinien verstoßen hat. Dem Universitätsprofessor, der für seine Arbeiten im Feld der Suche nach erdähnlichen Planeten noch kürzlich als Kandidat für einen Nobelpreis gehandelt worden war, wird vorgeworfen, sich wiederholt Studentinnen mit ungewollten Massagen, Küssen und unsittlichen Berührungen genähert zu haben. Der Fall war ursprünglich unter Verschluss gehalten worden. Erst als das Online-Magazin Buzzfeed vor knapp zwei Wochen den Vorgang an die Öffentlichkeit brachte, wurde bekannt, dass die Universität Berkeley trotz der eindeutigen Untersuchungsergebnisse lediglich eine Verwarnung gegen Marcy ausgesprochen hatte.

          Die Reaktionen innerhalb der astronomischen Gemeinschaft waren heftig. Ermutigt durch die Untersuchungen, berichtete beispielsweise der Astronomieprofessor John Johnson vom Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics davon, dass Marcys Verhalten unter Exoplanetenforschern als offenes Geheimnis behandelt worden sei. Jessica Kirkpatrick, die in Berkeley ihre Doktorarbeit im Fach Astrophysik geschrieben hatte, schrieb, dass Frauen sich untereinander vor einer Zusammenarbeit mit Marcy gewarnt hätten. Insbesondere waren beim Treffen der American Astronomical Society im Jahr 2010 angeblich mehrere Wissenschaftler Zeugen geworden, wie Marcy einer jungen Studentin gegenüber in unangemessen intimer Weise aufdringlich geworden sei.

          Karriere trotz sexueller Belästigung?

          Wenige Tage nach Erscheinen des Buzzfeed-Artikels veröffentlichte Marcy ein Entschuldigungsschreiben, in dem er den größten Teil der Anschuldigen abstritt. Nachdem die große Mehrheit der Professoren am Astronomischen Institut der Universität Berkeley schriftlich mitgeteilt hatte, dass Marcy ihrer Einschätzung nach zur Ausübung seiner Funktion als Fakultätsmitglied nicht weiter in der Lage sei, gab Marcy vor einer Woche seinen Rücktritt bekannt. Auch die Doktoranden und Postdocs des Instituts hatten öffentlich ihre Unzufriedenheit mit der Reaktion der Universität und der Institutsleitung kundgetan und einen besseren Schutz junger Wissenschaftler sowie die Wiederherstellung einer Arbeitsatmosphäre frei von sexueller Belästigung gefordert.

          Die Ausmaße des Falls und die große zeitliche Spanne, auf die sich die Vorwürfe beziehen, zeigen ein weiteres Mal, wie schwer der Umgang mit Fällen sexueller Belästigung den Universitäten fällt. Da es problematisch ist, anonymen Hinweisen nachzugehen, stehen Opfer sexueller Belästigung typischerweise vor der Entscheidung, ihre weitere Karriere zugunsten einer öffentlichen Beschwerde aufs Spiel zu setzen oder aber den Vorfall auf sich beruhen zu lassen. Die Entscheidung für eine Beschwerde hat in der Wissenschaft massive Konsequenzen, da die spätere Laufbahn stark von den Empfehlungsschreiben früherer Betreuer und Mentoren abhängt. Wissenschaftliche Forschungsbereiche sind oft so klein, dass es selbst im internationalen Rahmen schwer ist, sich aus dem Weg zu gehen. Ein Nachwuchswissenschaftler kann es sich daher kaum leisten, einen anerkannten Professor zum Feind zu haben. Auch die Universitäten sind in ihren disziplinarischen Handlungsoptionen eingeschränkt. Die Tatsache, dass die Universität Berkeley anfänglich lediglich eine Verwarnung ausgesprochen hatte, wurde offiziell damit begründet, dass die Aussichten für ein Verfahren zur Amtsenthebung sehr unsicher gewesen seien.

          Gleichzeitig ist klar, dass sich gerade am Anfang einer Karriere der Missbrauch eines hierarchischen Mentorenverhältnisses nachhaltig negativ auf das fachliche Selbstbewusstsein der Nachwuchsforscher auswirkt. Jedes Lob für wissenschaftliche Leistungen mag daraufhin im Nachhinein als von sexuellen Intentionen geleitet interpretiert werden. In der Diskussion, die unter Astronomen in den sozialen Medien nun geführt werden, taucht entsprechend immer wieder die Frage auf, inwiefern Erlebnisse sexueller Belästigung eine entscheidende Rolle dafür spielen könnten, dass viele Frauen sich gegen eine weiterführende Karriere in der von starkem Konkurrenzdruck geprägten Wissenschaft entscheiden. Daneben wird die Notwendigkeit betont, an den Universitäten ein Meldesystem für sexuelle Belästigungen zu etablieren, das sowohl die Opfer anzuhören und nachhaltig zu schützen vermag als auch weiterhin Mechanismen zum Schutz vor ungerechtfertigten Vorwürfen enthält.

          Die Enthüllungen um Marcy haben gezeigt, wie das Zusammenspiel verschiedener Faktoren innerhalb des Systems eine stabile Kultur des Schweigens etablieren kann. Noch ist unklar, ob und wenn ja welche Konsequenzen das universitäre System aus dem Vorfall von Berkeley ziehen kann und will.

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