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Akademische Online-Angebote : Ein Kurs im virtuellen Klassenzimmer

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Von Hagen lernen heißt siegen lernen: Es wird bald sehr viel mehr Fernunterricht geben. Bild: dpa

Immer mehr Universitäten bieten sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs) an. Sie locken mit dem Versprechen kostenfreier Bildung über alle Länder- und Altersgrenzen hinweg. Was taugt die akademische Lehre im Internet? Ein Selbstversuch.

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          Der Campus grünt, Vögel zwitschern, ein weißhaariger Herr sitzt dort und erklärt, dass ein Kurs im Fach Geschichte immer mit einer Frage beginnen müsse. Sonst könne man sich nicht auf die Suche nach einer Antwort machen. Dann lädt Bernard Cooperman, Historiker an der University of Maryland, sein Gegenüber ein, sich gemeinsam mit ihm der Frage zu stellen: „Was macht eine tolerante Gesellschaft aus?“. Es ist die familiäre Idylle einer amerikanischen Elitehochschule, die hier inszeniert wird, doch Coopermans Gegenüber könnte in einer arabischen Wüste sitzen oder in der sibirischen Tundra. Der Professor spricht in eine Kamera. Sein Kurs richtet sich gewissermaßen an die ganze Welt - es handelt sich um einen Massive Open Online Course (kurz: MOOC).

          MOOC - hinter diesem Akronym verbirgt sich ein umstrittener Trend im internationalen Hochschulbetrieb. Immer mehr Universitäten bieten über kommerziell betriebene Plattformen Online-Kurse an. Die meisten dieser kompakten Lerneinheiten sind auf vier bis zwölf Wochen ausgelegt und bestehen aus frei abrufbaren Vorlesungen, Skripten und Prüfungen. Befürworter schwärmen vom grenzenlosen Zugriff auf didaktisch aufbereitetes Wissen, das im virtuellen Hörsaal beliebig vielen Menschen zur Verfügung steht. Kurse von Star-Dozenten wie dem Harvard-Philosophen Michael Sandel erreichen fünfstellige Anmeldezahlen. Die Kritiker dagegen warnen vor einer zunehmenden Ökonomisierung der universitären Lehre und fürchten um die Rolle der Hochschule als öffentliche Bildungseinrichtung.

          Kommilitonen auf der ganzen Welt

          Dass Online-Kurse, ähnlich einer Lernsoftware, bei der Vermittlung strukturierter Informationen hilfreich sein können, klingt plausibel. Doch Cooperman bietet eben keine Einführung in die BWL an. Sein Kurs, „Practicing Tolerance in a Religious Society: The Church and the Jews in Italy“, behandelt das Thema eines geschichtswissenschaftlichen Seminars. Cooperman will erörtern, warum die christliche Gesellschaft in Italien einer jüdische Minderheit über anderthalb Jahrtausende hinweg fast ununterbrochen Toleranz entgegengebracht hat. Bei einem solchen, auf ein historisches Verständnis angelegten Kurs erscheinen die Einschränkungen des virtuellen Klassenzimmers gewichtiger. Grund genug, Coopermans Einladung anzunehmen.

          Anders als bei MOOCs oft üblich gibt es bei Coopermans Kurs einen verbindlichen Ablaufplan. Darauf besteht Coursera, das Start-up aus Stanford, über dessen Plattform Cooperman den Kurs anbietet. Eine Anmeldefrist, wöchentliche Vorlesungen und festgelegte Prüfungstermine - diese Struktur soll für bessere Disziplin sorgen. Aber dann verschiebt sich der Kursbeginn plötzlich um zwei Wochen. Man wolle eine hohe Qualität sicherstellen und einige Lehrmaterialien noch einmal überarbeiten, heißt es knapp.

          Als es endlich losgeht, fühlt es sich ein bisschen so an wie am ersten Tag des Semesters. Nur sitzt man zu Hause am Computer. In dem Kurs-Forum stellen sich die Teilnehmer vor und legen ihre Motivation dar. Es sind Menschen von allen Erdteilen. Nusrat, eine dreiundfünfzig Jahre alte Pakistanerin, schreibt, dass sie sich vor allem dafür interessiert, wie Gemeinschaften Narrative entwerfen, um das Identitätsgefühl innerhalb der Gruppe zu stärken und wie das zur Ausgrenzung anderer führen kann. Bill berichtet von der Emigration seiner Eltern in die Vereinigten Staaten. Sein Vater kam aus Italien, seine Mutter aus einem Dorf im heutigen Mazedonien. Ihre jüdischen Angehörigen, die dort blieben, starben im Vernichtungslager Treblinka. „Vielleicht liegt es an diesem familiären Hintergrund“, schreibt Bill, „dass ich verstehen möchte, warum manche Menschen über Stereotype hinausgehen und Anerkennung für andere entwickeln.“

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