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Schulverweigerung : Schwänzen als Symptom

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Ein Bußgeldbescheid ist eher nicht die richtige Antwort: Kinder, die die Schule schwänzen, müssten medizinisch betreut werden Bild: dpa

Für den Laien sind sie Schwänzer, Fachleute sprechen von Schulvermeidung: Spezialisten einer Essener Klinik haben herausgefunden, dass Kindern, die häufig in der Schule fehlen, mit einer frühzeitigen medizinischen Diagnose geholfen werden kann.

          Fast zwei Drittel aller Schüler weiterführender Schulen geben an, schon mal einen Tag lang oder stundenweise absichtlich dem Unterricht ferngeblieben zu sein. Das ist nicht weiter tragisch. Wer jedoch häufig und regelmäßig fehlt und zudem Anzeichen einer psychischen Erkrankung erkennen lässt, gerät ohne Hilfe leicht ins schulische und soziale Abseits. Dieses Fazit begründet Martin Knollmann aus dem Team um Johannes Hebebrand von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Essen in der kommenden Ausgabe des „Deutschen Ärzteblattes“ mit eigenen und internationalen Studien.

          Man nimmt an, dass fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland in einem erheblichen Ausmaß gewohnheitsmäßig in der Schule fehlen. Für den Laien sind das die Schwänzer. Fachleute sprechen indes von der Schulvermeidung und fassen darunter die Schulverweigerung und das Schwänzen zusammen. Schwänzen geschieht in der Regel ohne Wissen der Eltern, das Kind hält sich nicht zu Hause auf, es schwänzt mit anderen. Der Beginn liegt jenseits der Grundschulphase, Schwänzen häuft sich in der Mittelstufe zwischen dem 13. und 17. Lebensjahr. Schulschwänzer sind häufiger im Sozialverhalten gestört, vermehrt wird heute ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) diagnostiziert. Sie haben ein höheres Risiko, später arbeitslos, drogenabhängig und delinquent zu werden.

          Fehlen mit dem Wissen der Eltern

          Die zweite Gruppe sind die Schulverweigerer, die mit Wissen der Eltern fehlen und sich meist zu Hause aufhalten. Hier stehen eher emotionale Schwierigkeiten im Vordergrund. Es sind zum einen Kinder, bei denen die Ängste vor der Schule dominieren, weil sie sich den Leistungsanforderungen nicht gewachsen fühlen oder weil sie gemobbt werden. Zum anderen gehören jene zu den Schulverweigerern, die unter einer Schulphobie leiden, weil sie sich von den Eltern nicht trennen können.

          Deshalb trifft man die Verweigerer eher unter den jüngeren in der Grundschule an, eine Häufung gibt es dann noch einmal zwischen dem zehnten und elften Lebensjahr, in der Regel ist das der Übergang zur weiterführenden Schule. Sie klagen über eine Vielzahl von unterschiedlichsten Symptomen wie Bauchweh, Übelkeit und Schwindel typischerweise morgens vor Schulbeginn, hingegen sind sie an Wochenenden oder in den Ferien oft beschwerdefrei. Hausärzte sollten, so Knollmann, dieses Vermeidungsverhalten nicht durch wiederholte Krankschreibungen oder Mutter-Kind-Kuren verstärken. Mitunter unterlaufen dies die Eltern selbst, erlangen die nötigen Rezepte durch häufigen Arztwechsel und zementieren die Trennungs- und Leistungsängste (Deutsches Ärzteblatt, Bd. 107, 2010).

          Unterdurchschnittlicher Intelligenzquotient

          Die Beobachtungen aus der auf Schulverweigerung spezialisierten kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz an der Universitätsklinik Essen an einem Kollektiv von 89 Schulvermeidern zeigten, dass sich die Eltern von rund 60 Prozent der Kinder getrennt hatten. In einem vergleichbaren Alterskollektiv von Kindern ohne auffällige Fehlzeiten waren hingegen nur 19 Prozent Scheidungskinder. Zudem sind die Eltern der Schulverweigerer häufig krank, bei rund 30 Prozent liegen schwere körperliche Erkrankungen vor, fast 15 Prozent sind von psychischen Leiden betroffen. Ein erheblicher Teil (39,1 Prozent) der Schulverweigerer wies einen unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten auf, was auf eine Überforderung durch die Schule schließen lässt. Mehr als die Hälfte hatte mindestens einmal eine Klasse wiederholen müssen. Mehr als 60 Prozent haben zudem den Schultyp gewechselt, was - bis auf eine Ausnahme - bedeutete, dass die Kinder etwa vom Gymnasium auf die Realschule oder von der Realschule auf die Hauptschule gingen („Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie“, Bd. 58).

          Die Essener Spezialisten empfehlen, für Kinder, die erkennbar häufig in der Schule fehlen, frühzeitig eine medizinische Diagnostik anzustreben. Das betrifft die Erkennung der unterschiedlichen Ängste und Phobien, der Störungen des Sozialverhaltens oder auch anderer psychiatrischer Erkrankungen wie Depressionen, die oft schon vor dem Beginn des schulvermeidenden Verhaltens aufgefallen sind. Zudem fand man inzwischen, dass auch körperliche Erkrankungen wie Asthma oder Adipositas überdurchschnittlich oft mit Fehlen in der Schule einhergehen. Darüber hinaus strebt man ein interdisziplinäres Hilfskonzept an, das allerdings noch lange nicht über Modellprojekte hinausgeht.

          Hohe Dunkelziffer

          Wie hoch der Anteil der Schulvermeider unter den immerhin 70 000 bis 80 000 jungen Menschen ist, die jährlich in Deutschland ohne Abschluss die Schule verlassen, ist nicht exakt zu beziffern. Allerdings lässt die Analyse eines Unterstützungsprojektes für jugendliche Arbeitslose unter 25 Jahren (SUPPORT 25: „Psychotherapie im Dialog“, Bd.9) darauf schließen, dass er nicht gering ist. 30 Prozent dieser Arbeitslosen waren in ihrer Schullaufbahn mindestens einen Monat dem Unterricht ferngeblieben und hatten auffällig häufig keinen Schulabschluss. Außerdem wies die überwiegende Mehrheit der auch medizinisch untersuchten Arbeitlosen bereits irgendeine psychiatrische Diagnose auf. Trotz dieser erkennbaren Zusammenhänge, so die Essener Experten, beschäftigten sich Studien zur Jugendarbeitslosigkeit bisher kaum mit Schulvermeidung in der Vorgeschichte.

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