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Schule & Erziehung : Stellt den Lehrer in die Mitte der Debatte!

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Wo Lehrer und Schüler nicht selten leiden: ein Blick ins Klassenzimmer Bild: picture-alliance/ dpa

In seinem neuen Buch mahnt Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Internats Schloss Salem und Bestseller-Autor, eine grundlegende Reform des Schulwesens an. Im Zentrum seines Programms, seiner Kritik wie seiner Verbesserungsvorschläge, stehen die Lehrer.

          Auf den Lehrer kommt es an. Keine Bildungsdebatte kann davon ablenken, dass alle Strukturreform leerläuft, wenn der Lehrer nicht gut ist. Was einen guten Lehrer ausmacht, wie zentral seine Rolle als Wissensvermittler, Ansporner und Entflammer ist, weiß eigentlich jeder, der einen solchen hatte. Umso erstaunlicher, wie schnell man diese Grundwahrheit im Wust der Reformdiskussionen aus dem Auge verliert und sich mit wohlfeiler Lehrerschelte zufriedengibt. Man beschwört die Bildung als Ressource der Zukunft, die Kanzlerin macht eine Bildungsreise durch Deutschland – alles schön und gut, aber wo ist ein Forum in Sicht, auf dem mit vergleichbarer Energie über die Verbesserung des Lehrerstands geredet würde? Sachkundig, analytisch und konstruktiv, unter Verzicht aufs Abspulen der ewigen Pauker-Schüler-Klischees, in der Überzeugung, dass man an eine Zukunftsfrage der Gesellschaft rührt, die alle Aufmerksamkeit wert ist.

          Das neue Buch von Bernhard Bueb, das jetzt in den Buchhandel kommt, ist eine Gelegenheit, ein solches Forum einzurichten. In dieser Zeitung wird das Erscheinen des Buches zum Anlass genommen, im Internet unter faz.net/bueb (Alle Macht den Schulleitern! ) eine Debatte um den Lehrerberuf zu führen. Buebs Buch trägt den Titel „Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung“. Gewiss kann man nun anfangen, sich am Begriff der „Führung“ abzuarbeiten. Ob dieser Begriff eine glückliche Wahl ist, mag dahinstehen. Zudem gibt es im Buch etliche Unschärfen und Ungenauigkeiten, die wohl auch Bueb selbst einräumen würde. Aber es wäre verfehlt, der zentralen Debatte, die das Buch anstößt, mit Hinweis auf dessen Schwächen auszuweichen.

          Den Defätismus durchbrechen

          Die Debatte, die es zu führen gilt, steht unter dem Slogan „Auf den Lehrer kommt es an“. Um ein Missverständnis zu vermeiden: Es geht nicht darum, aus der stets ein bisschen verrückten Institution Schule plötzlich ein Arkanum der Bildung und Menschenliebe zaubern zu wollen. Hier gilt vielmehr, was Adorno in den „Tabus über den Lehrerberuf“ schreibt: „Prinzipiell bleibt, was in der Schule geschieht, weit hinter dem leidenschaftlich Erwarteten zurück.“ Gleichwohl muss der Defätismus durchbrochen werden, mit dem man die Schule als einen hoffnungslosen Fall, den Lehrer als einen unverbesserlichen Unterrichtsbeamten abtut. Derzeit wird der Lehrer zum Dienstleister am Kind degradiert. Er steht ganz am Rande der Diskussion. Dass dies so ist, hat er auch seiner eigenen passiven Haltung zu verdanken. Psychisch gebeutelt zwar, aber eben doch mit stoischer Ruhe erträgt die Lehrerzunft die folgenlose Kritik. „Lehrer sollten lernen, politisch zu denken und zu handeln“, hält ihnen Bueb entgegen. Der ehemalige Direktor des Internats Schloss Salem hatte bereits vor zwei Jahren mit seinem „Lob der Disziplin“ eine umstrittene und bestens verkaufte Kritik an verweichlichten Erziehungsmethoden antiautoritärer Herkunft geübt.

          Bueb weiß auch diesmal zu provozieren: den Beamtenstatus abschaffen sei der erste Schritt. Weg von falschen Privilegien und hin zu vermehrter Kontrolle, heißt die Losung. Mangelhafte Leistung muss Sanktionen nach sich ziehen, nicht nur für den Schüler, sondern auch für den Lehrer. Bueb geht noch weiter: Er hofft, dass der Vorschlag zur Aufgabe der Verbeamtung eines Tages aus den Reihen der Lehrer selbst kommt. Wie immer ein solcher Vorschlag zu bewerten sein wird, in der Sache trifft Bueb ins Schwarze: Die Lehrerschaft muss die Qualitätssicherung auf ihre Fahnen schreiben. Das „Weiter so“ der Unfähigen und die Verschleierung der Inkompetenz darf nicht länger vom Beamtenstatus gedeckt werden.

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