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Schuld und Schule : Schiebt nicht immer alles auf die Lehrer

Kaum einer, der hier arbeitet, hat in romantischer Verblendung den falschen Beruf ergriffen Bild: Daniel Karmann/dpa

Wenn Schüler schlecht abschneiden oder sich falsch verhalten, dann liegt es inzwischen immer an der Schule: Eine ziemlich einseitige Schuldzuweisung mit fatalen Folgen.

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          Ein Geständnis vorweg: Ich bin selbst Sohn einer Lehrerin. Meine Partnerin ist Lehrerin, und da ich ein geisteswissenschaftliches Fach studiert habe, sind es viele meiner Freunde ebenfalls. Eigentlich wollte ich das nie zugeben und mich an jene Regel für Geisteswissenschaftler halten, die sich bisher erfolgreich vor dem Lehrerberuf drücken konnten: Sag nie, dass du welche kennst.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Nun aber hat der Bildungsjournalist Christian Füller eine „Exitstrategie“ für überforderte Lehrer angemahnt. Schulleiter, so schreibt er, sollten im Zweifel das Recht haben, gescheiterte Pädagogen zu entlassen. Bislang müssten sie die Beamten nämlich so lange mit schriftlichen Beschwerden überziehen, bis sie freiwillig gingen. Das sei unwürdig für beide Seiten, vor allem aber für die Schüler, die sich oft jahrelang mit Versagern konfrontiert sähen.

          Sicher gibt es Pädagogen, die ihre Schüler terrorisieren und eine möglichst lebendige Kopie von Professor Unrat abzugeben versuchen. Wie viele Schüler aber treiben umgekehrt ihre Lehrer zur Weißglut und zu flammenden Reden bei Klassenkonferenzen und Elternabenden?

          Wenn sich das Staatliche Schulamt meldet

          Angenommen, es gibt schlechte Lehrer und schlechte Schüler, dann ist die Frage interessant, wer von beiden eigentlich die stärkere Lobby hat. Eine befreundete Grundschullehrerin erzählte einmal von dem Druck, dem sie ausgesetzt sei, sobald die Zeugniskonferenzen anstünden und sie eine Schulstufenempfehlung für ihre Schüler der vierten Klasse aussprechen müsse. Sie fühle sich verpflichtet, sowohl deren Leistungen als auch den elterlichen Erwartungen gerecht zu werden - obwohl Eltern inzwischen selbst entscheiden können, auf welche Schulstufe sie ihr Kind schicken. Kürzlich bekam sie einen Anruf: Eine Mutter sagte, sie könne die Realschulempfehlung ihrer Tochter nicht akzeptieren. Sie wisse zwar, die Wahl liege bei ihr. Aber sie erwarte dafür auch eine offizielle Legitimation.

          Eine andere Bekannte war auf dem Schulhof in einen Vorfall verwickelt, der so alt ist wie die Menschheit selbst: Ein Schüler provozierte einen anderen, der andere provozierte zurück, einer überschritt die Grenzen des guten Geschmacks, die Lehrerin ging dazwischen. Den Schüler, der handgreiflich geworden war, schickte sie zur Abkühlung in ein leeres Klassenzimmer. Am nächsten Tag bat der Schulrektor sie in sein Büro. Er habe einen Anruf vom Staatlichen Schulamt erhalten, erklärte er. Wenn sich die Eltern eines Schülers direkt ans Staatliche Schulamt wendeten, müssten ja schwerwiegende Gründe vorliegen, kurzum, stimme es, dass sie einen ihrer Schüler über eine Stunde lang weggesperrt habe?

          Bildungsauftrag aufgegeben

          Beide kamen ohne Kratzer aus der Sache heraus, aber die Beispiele zeigen, wie sich der Blick auf Lehrer inzwischen gewandelt hat. Es scheint, als fordere man von ihnen eine Art ganzheitliche Optimierung, wie von Managern einer riesigen Fabrik, aus der maßgeschneiderte Subjekte herauskommen sollen. Von Lehrern wird ein reibungsloser Ablauf verlangt. Kommt es zu schlechten Leistungen oder sozialem Fehlverhalten, muss es am System liegen, an schlechtem Management, schlechten Lehrern. Deren Meinung hat nur dann ihre Berechtigung, wenn sie sich mit denen der Eltern deckt.

          Auf der anderen Seite werden Lehrer gerade in jenen Schulstufen immer mehr zu Ersatzerziehern, in denen die schwächsten Schüler landen. Manche von ihnen haben überhaupt keine Eltern mehr, andere haben Eltern, die vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, wiederum andere haben Eltern, die ihnen vermitteln, dass Schule Nonsens sei. Ein Freund, der an einer Hauptschule Deutsch unterrichtet, sagte einmal, guten Unterricht habe er, wenn die Schüler einigermaßen ruhig seien, sehr guten, wenn sie über ihre persönlichen Probleme redeten. Irgendeinem Bildungsauftrag gerecht zu werden, habe er längst aufgegeben. Bildung sei, wenn man verhindere, dass die Schüler noch tiefer abrutschten.

          Leistungsgefälle überall

          Nimmt man das zusammen, dann lässt sich erkennen, vor welcher Herausforderung Grundschullehrer schon jetzt stehen, in deren Klassen die ganze Heterogenität der Gesellschaft gespült wird. Sie müssen den Kindern der Helicopter-Parents den Karriereteppich ausrollen und anderen erst einmal die deutsche Sprache beibringen. Sie sind für die einen Lerncoaches und für die anderen Sozialbetreuer.

          Dieses Leistungsgefälle müssen Lehrer bald in allen Schulstufen meistern. Die Einführung der Gemeinschaftsschule würfelt Schüler mit sehr unterschiedlichem Niveau zusammen, die Inklusion verstärkt diesen Effekt, und auch in den Gymnasien wird die Klassenzusammensetzung heterogener, weil die Eltern entscheiden, wer sie besucht.

          Eine Frage der Finanzierung

          Das kann man gut finden oder schlecht, jedenfalls ist es mit viel Aufwand verbunden, den die Lehrer bisher weitestgehend alleine meistern. Wenn nun also Studien angeführt werden, nach denen von hundert Lehrern nur siebzehn glücklich über ihren Beruf seien, dürfte das einer der Hauptgründe sein und weniger die Behauptung, die meisten Lehrer hätten in romantischer Verblendung den falschen Beruf ergriffen.

          Man darf annehmen, dass es in einem Lehrerkollegium so viele gute und schlechte Mitarbeiter gibt wie in jedem durchschnittlichen Büro. Nur werden von ihnen oft Höchstleistungen verlangt, ohne die entsprechenden Mittel bereitzustellen. Die Inklusion schwächerer Schüler ist politisch gewollt? Dann sollte man ihnen Betreuer zur Seite stellen. Die Zusammensetzung der Klassen soll heterogener werden und soziale Schranken überwinden? Dann sollte ihre Größe nicht weiter steigen, sondern eher sinken. Man will erreichen, dass die Besten eines Universitätsjahrgangs sich für den Lehrerberuf entscheiden? Dann sollte man viel Geld in die Hand nehmen, statt die letzten Vorteile des Berufs abschaffen zu wollen.

          Als ginge es um einen verkommenen Adelsstand

          Denn welcher Anreiz bleibt Studenten außer der Verbeamtung noch, den Lehrerberuf zu ergreifen? Ihre gesellschaftliche Anerkennung ist nicht gerade blendend, die Karrierechancen sind begrenzt. Ihre Fähigkeiten im improvisierten Multitasking könnte manchen Silicon-Valley-Nerd vor Neid erblassen lassen, aber honoriert wird das vor allem bei Grund- und Hauptschullehrern wenig.

          Es ist sicher richtig, eine Hintertür zu fordern, mit denen man notorisch Gescheiterte notfalls aus ihrem Amt entfernen kann. Genauso berechtigt ist die Frage nach dem Beamtenstatus. Nur sollte man dabei nicht den Eindruck erwecken, Lehrer seien größtenteils gescheiterte Loser, die es sich auf ihren staatlichen Pfründen bequem machen. Tatsächlich wird wohl die Mehrheit von ihnen bereit sein, einen Verzicht des Beamtenstatus hinzunehmen, wenn man nur genügend sonstige Anreize schafft. Das ist das Hauptproblem der jetzigen Debatte: Dass man Lehrer wie einen verkommenen Adelsstand behandelt und nicht einfach als das, was sie sind: stark beanspruchte Staatsdiener.

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