https://www.faz.net/-gqz-7ph0v

Schul- und Hochschulpolitik : Die Bildungsmisere hört nie auf

  • -Aktualisiert am

Statue der Prudentia in der Prager Kirche St. Nikolaus Bild: picture-alliance / Herve Champol

Die Politik verspricht den Aufstieg für alle. Und glaubt, alle könnten alles erreichen, würde man nur entweder mehr Geld oder mehr Zertifikate ins Bildungssystem pumpen. Ein gefährlicher Irrtum.

          Was ist eine Spirale? Eine Spirale ist das: Die Politik verspricht den Aufstieg für alle. Das finden alle gut, außer denen, die nicht dran glauben, und denen, die schon aufgestiegen sind, die wollen nur nicht absteigen. Aber das sind Minderheiten. Der Aufstieg für alle soll über Bildung erfolgen. Also sollen alle aufs Gymnasium und von dort ins Studium.

          Wenn das nicht allen auf Anhieb gelingt, weil natürlich Integralrechnung, Iphigenie und Zitronensäurezyklus nach wie vor schwierig sind, stimmt etwas mit dem Gymnasium nicht. Denn dann ist es ja ein Aufstiegshindernis. Also muss man das Gymnasium abschaffen. Das geht schwer. Oder man muss es so ändern, dass man leichter drüber hinwegkommt. Das geht leicht. Man druckt einfach mehr Abiturzeugnisse und setzt die Namen ein. Anschließend muss man allerdings noch im Hochschulbau etwas machen. Denn hochschulreif ist dann ja bald nicht mehr ein Viertel, sondern die Hälfte eines Jahrganges. Doch das Doppelte soll der Aufstieg aller nun auch wieder nicht kosten.

          Hürden gegen das Gedränge

          Statt am Raum kann man darum wahlweise an der Zeit etwas ändern. Alle studieren, nur doppelt so schnell. Das jedoch ist leichter gesagt als getan, zumal alle jetzt zwar zum Studium aufgestiegen sind, aber dann eben dort das Integral, Iphigenie und die Sache mit der Zitronensäure nachholen müssen. Oder man verdoppelt das Personal. Doch das führt zu Widersprüchen, weil man so viel Personal, wie man für den Aufstieg von allen benötigt, niemals auf Professorenstellen unterbringen kann.

          Dann gälte der Aufstieg für alle für alle - nur nicht für den wissenschaftlichen Nachwuchs; der bliebe einfach da, wo er ist, im Prekariat. Aber zurück zur Hauptspirale: Dort drängen sich nun fast alle in der Aufstiegszone, wobei das Gedränge noch zunimmt durch doppelte Jahrgänge (G8), gebührenfreies Studieren, Herunterreden der Berufsbildung und Heraufreden der Wissensgesellschaft. Wenn dieses Gedränge einen kritischen Wert erreicht, fangen die Hochschulen an, Studienhürden zu errichten.

          1,0 für alle

          Knapp die Hälfte aller Bachelorstudiengänge hat schon einen Numerus clausus; die Hochschulrektoren haben gerade gedroht, es könnten noch mehr werden. Du hast zwar ein Spitzenabitur, teilt das mit, aber das reicht natürlich nicht, um Zahnarzt oder Kostenrechner zu werden, das können nur Genies. Also müssen die Abiturnoten noch besser werden, damit es zum Aufstieg für alle kommt. Dem werden sich die Schulen gewiss nicht versperren. Haben sie ja auch in den vergangenen Jahren nicht getan. Inzwischen muss man sich echt anstrengen, damit am Ende eine Drei vor dem Komma steht. Man kann die Lehrer da auch verstehen, wer möchte schon durch allzu strenges Abprüfen von Iphigenie und Zitronensäure eine Zahnarztkarriere verhindern oder den Arbeitsmarkt auch nur um eine einzige Unternehmensberaterin bringen? Also durchgelassen. Was ja auch für Hochschulen gilt, die nur nach unten gern streng tun, sonst jedoch ebenfalls alles - mit Durchschnitts(!)note 1,8 - loben, was sich zur Prüfung angemeldet hat. Am Ende werden dann alle zur 1,0 aufgestiegen sein.

          An der Bildung selbst, dem Gedränge und an der ungleichen Gesellschaft wird sich nichts verändert haben. Man wird nur mit mehr Zeugnissen dort sein, wo man jetzt auch schon ist. Insofern wird sich, wenn weiterhin alle glauben, dass alle alles erreichen könnten, würde man nur entweder mehr Geld oder mehr Zertifikate ins System pumpen, nichts verändert haben als das Niveau der Probleme und die Geschwindigkeit der Umdrehungen. Und genau das ist eine Spirale.

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens nnenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.