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Rituale der Forschungsevaluation : Die große Begehung der Mittelbaustelle

  • -Aktualisiert am

Auch ein akademisches Ritual, wenngleich nicht von DFG-Seite: Studenten feiern ihren Studienabschluss mit einem Hutwurf Bild: ddp

Wir sind hier nicht beim TÜV, sondern eher schon beim mittelalterlichen Herrschertreffen: Die Evaluation von Forschung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft trägt alle Züge eines Rituals.

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          Nicht selten, so scheint es, sind Evaluationen akademische Rituale, bei denen Ereignisse inszeniert werden, die der Verbesserung der Forschung allenfalls indirekt dienlich sind. Unter „Evaluation“ verstehe ich dabei die nachträgliche Überprüfung einer Institution oder Person durch von außen kommende Experten. Unter „akademischem Ritual“ verstehe ich solche Überprüfungen in einem universitären Bereich. Es fallen also keine Prüfungen wie Promotionen oder Habilitationen darunter, oder Bewerbungsvorträge, die man alle auch als akademische Rituale auffassen kann, bei denen aber die Experten in der Regel nicht von außen kommen. Ich konzentriere mich hier allein auf inszenierte Überprüfungen, sogenannte Begehungen.

          Der Begriff „Begehung“ kommt aus dem Bauwesen oder von der Arbeitssicherheit, wo man eine Baustelle oder einen Arbeitsplatz überprüft. Der Begriff ist also treffend, denn tatsächlich geht es bei universitären Begehungen auch oft um die Sicherung von Arbeitsplätzen – jedenfalls aus der Perspektive des Mittelbaus.

          Das Ritual, wie ich es verstehe, setzt mehrere Personen voraus. Wer also nur ein Gutachten am Schreibtisch schreibt, vollzieht kein Ritual. Wohl aber tun es Begehungen, also Evaluationen vor Ort. Hier kommen Gruppen zusammen und verkörpern sich zu Gremien von Gutachtern und Begutachteten. Hinzu kommt die Förmlichkeit. Rituale bestehen aus standardisierten, mitunter stereotyp und redundant wiederholten, somit nachahmbaren und insofern öffentlichen Handlungen. Sie sind aus Elementen nach Regeln bewusst zusammengesetzt und fügen sich zu Ritualkomplexen zusammen. Dieses Regelwerk ist oft in Skripten oder Ritualhandbüchern festgehalten.

          Ordnung bis ins letzte Detail

          Dies alles trifft auf universitäre Begehungen zu. Denn auch dabei sind die Handlungen vorgegeben. Es gibt ein genaues, teilweise vorgegebenes, teilweise stillschweigend von anderen Begehungen übernommenes Programm, dessen Struktur weitgehend festgelegt und als Skript auf der Homepage der DFG (DFG-Vordruck 60.022 – 5/10) einsehbar ist. So beginnt die eine Begehung eines Sonderforschungsbereichs am ersten Tag mit der Begrüßung durch den Senatsvertreter der DFG. Dann folgen ein Bericht des Sprechers, exemplarische Darstellungen von Forschungsprojekten, eine vom Senatssprecher geleitete Diskussion und ein Abschlusswort des Sprechers. Am Nachmittag schließen sich Besuche der Gutachter bei den einzelnen Teilprojekten an, am Abend zieht sich die Gutachtergruppe zu ersten Beratungen zurück. Der nächste Tag beginnt mit der Plenarsitzung und einer Stellungnahme der Hochschule, meist des Rektors. Die Anwesenheit des Kanzlers und eines Vertreters des Ministeriums ist vorgeschrieben. Der Plenarsitzung folgen Nachfragen der Gutachtergruppe und eine abschließende interne Beratung sowie Beschlussfassung der Gutachter. Am Schluss wird der Sprecher dazugebeten und das Urteil verkündet.

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