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Akademischer Mittelbau : Die Fron der Frist

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Gelehrt wird an deutschen Universitäten oft nicht von Professoren, sondern von schlecht bezahlten Mitarbeitern mit ungewissen Karriereaussichten Bild: dpa

Dem unter befristeten Verträgen leidenden akademischen Mittelbau soll geholfen werden. Doch die gesetzliche Neuregelung geht Gewerkschaften und Opposition nicht weit genug. Sie fordern Mindestvertragslaufzeiten. Der Bund lehnt das ab.

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          Der akademische Mittelbau arbeitet an deutschen Hochschulen unter schwierigen Bedingungen. Zu über achtzig Prozent befristet beschäftigt, hangelt er sich von Vertrag zu Vertrag, oft mit Laufzeiten von weniger als einem halben Jahr. Meist erfährt er erst mit Mitte vierzig, ob er eine der wenigen und hart umkämpften Professuren erhält. In einem wichtigen Lebensabschnitt bleibt so wenig Chance zur langfristigen Lebens- und Familienplanung. Den Universitäten und Forschungszentren liegt dagegen am flexiblen Einsatz der Mitarbeiter im Sinn des dynamischen Forschungsprozesses.

          Bund und Länder haben sich in diesem Jahr darauf geeinigt, das Problem von zwei Seiten anzugehen: Mit einem Pakt für den wissenschaftlichen Nachwuchs, der neue Stellen und Personalkategorien an den Hochschulen schafft, und mit der Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, die gerade in die entscheidende Phase geht und im Dezember verabschiedet werden soll. Der wichtigste Punkt des Gesetzesentwurfes ist die Bindung von Vertragslaufzeiten an das Qualifikationsziel (wie die Promotion) oder die Projektdauer. Prinzipiell ausgeschlossen sind Kurzfristverträge damit jedoch nicht.  

          Vor der ersten Lesung am Donnerstag im Bundestag appellierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) daher an die Abgeordneten der großen Koalition, den Regierungsentwurf der schwarz-roten Koalition „noch einmal gegen den Strich zu bürsten“. Auch der Bundesrat hatte jüngst Veränderungen angemahnt. Er wollte unter anderem erreichen, dass Befristungen bei Erstverträgen grundsätzlich nicht unter 24 Monaten liegen sollen, sofern kein zwingender Sachgrund vorliegt. Die Bundesregierung folgte dem Vorschlag nicht. Eine gesetzliche Mindestlaufzeit laufe der Vielfalt der Karrierewege entgegen, so ihr Argument.

          Mehr Tenure-Track-Stellen

          Auch das von Johanna Wanka (CDU) geführte Bundesbildungsministerium will jüngeren Dozenten und Forschern in Deutschland durch die Bindung an Projektlaufzeiten und Qualifikationsziele verlässlichere Karrierewege ermöglichen. Das Ministerium greift mit seinen Reformideen aber auch Warnungen der Arbeitgeberseite von Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen auf, ihre „Flexibilität“ in Personalfragen nicht zu gefährden.

          Über einen Pakt zur Förderung dauerhafter Karriereperspektiven in der Wissenschaft – etwa über mehr Tenure-Track-Stellen, die nach erfolgreicher Evaluation zu einer festen Professur führen – verhandelt das Ministerium mit den Ländern. Der Bund hat dafür von 2017 an eine Milliarde Euro für zehn Jahre versprochen. Die größte Streitfrage ist, wer die Verstetigung neu eingerichteter Stellen übernimmt.

          Auch Linkspartei und Grüne kritisieren den Gesetzesentwurf. Sie fordern Mindestvertragslaufzeiten und eine Aufhebung der Tarifsperre für die Hochschulen, die Gewerkschaften und Arbeitgeber daran hindere, selbständig Tarifverträge auszuhandeln. Die Novelle bleibe sonst „ein zahnloser Tiger“, so der hochschulpolitische Sprecher der Grünen, Kai Gehring. Die Aufhebung der Tarifsperre lehnt die Bundesregierung jedoch klar ab. Die Bildungsgewerkschaft hat bis zum Freitag eine Aktionswoche unter dem Motto „Traumjob Wissenschaft“ ausgerufen.

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