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Reform des Medizinstudiums : Ein Masterplan für angehende Ärzte

  • -Aktualisiert am

Macht hohe Lernkompetenz aus der Schule einen guten Arzt aus? Bild: dpa

Das Medizinstudium steht vor der Reform. Schlechte Abiturienten sollen bald keinen Studienplatz mehr bekommen, auch nicht durch Klagen und Wartezeit. Umstritten ist eine Landarztquote.

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          Bianca und Susanne sitzen im Keller der Frankfurter Universitäts-Hautklinik nur wenige Bankreihen voneinander entfernt. Beide beugen sich über ihre Mikroskope, schieben ein Glasplättchen nach dem anderen unter das Objektiv. Vor den Fenstern wird es langsam dunkel, während der Kursleiter durch sein Mikrofon erklärt, welche Strukturen die Humanmedizin-Erstsemester auf den Präparaten sehen können: Knorpel, Knochen, Fettzellen.

          Für Bianca und Susanne ist es die dritte Woche nach Semesterbeginn. Eigentlich habe sie befürchtet, mit ihrer Abiturnote 1,7 keine Chance auf einen Medizinstudienplatz zu haben, erzählt die neunzehn Jahre alte Bianca. Doch im freiwilligen Studierfähigkeitstest TMS (Test für medizinische Studiengänge), dessen Ergebnis etwa zwanzig Medizinerfakultäten neben dem Abitur in ihr eigenes Auswahlverfahren einbeziehen, erreichte sie ein herausragendes Ergebnis und bekam einen Studienplatz, nur wenige Wochen nach ihrem Abitur. Für ihre 26 Jahre alte Kommilitonin Susanne dauerte es sieben lange Jahre, bis ihr die Zulassungsstelle hochschulstart.de endlich den ersehnten Bescheid schickte. Sie nutzte die Zeit, um eine Ausbildung zur Krankenschwester abzuschließen.

          Wenn es nach den Vertretern der Deutschen Hochschulmedizin ginge, dann wird es in Zukunft mehr Studenten wie Bianca geben, die mit einem guten, aber nicht exzellenten Abitur sofort einen Studienplatz bekommen. Ein Eingangstest wie der TMS soll zur Pflicht für alle Bewerber werden. Studienbewerber mit mittelmäßigem oder schlechtem Abitur, die sich bisher nur mit Wartesemestern einen Platz sichern konnten, sollen sich künftig nur noch dreimal bewerben können. Jedes Mal entscheidet dann das Los, nicht die Dauer der Wartezeit. So steht es in dem Reformpapier „Masterplan Medizinstudium 2020“, das der Dachverband Deutsche Hochschulmedizin - bestehend aus Medizinischem Fakultätentag und Verband der Universitätsklinika Deutschlands - vorgelegt hat. Die großen Felder der vom Bundesgesundheitsministerium und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erarbeiteten Reform werden die Zulassung zum Studium, die Praxisnähe der universitären Ausbildung und, mit Blick auf die schwindende Zahl der Hausarztpraxen in ländlichen Regionen, die Stärkung der Allgemeinmedizin schon im Studium sein.

          Schlechtere Resultate nach Wartezeit

          In den vergangenen Wochen haben verschiedene Expertenorganisationen deutlich gemacht, wie sie zu den großen Themen der Reform stehen. Die Stellungnahmen von Marburger Bund, Deutscher Hochschulmedizin und der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften weisen starke Parallelen auf. Die Reform der Zulassungsregeln ist für alle die größte Baustelle. „Wir haben zurzeit Wartezeiten, die länger dauern als die Regelstudienzeit“, sagt Josef Pfeilschifter, Dekan der Frankfurter Medizinerfakultät und als Präsidiumsmitglied des Medizinischen Fakultätentages mitverantwortlich für die neue Stellungnahme. „Weil es so nicht weitergehen kann, schlagen wir vor, die Möglichkeit, über die Wartezeit ins Studium zu kommen, zu limitieren.“ Dafür solle ein „leistungsgesteuertes Losverfahren“ entwickelt werden. „Jemand mit der Abiturnote 2,5 hat dabei eine höhere Chance als derjenige mit 3,5.“ Aber jeder Abiturient darf nur dreimal teilnehmen. Zudem soll die Wartezeitquote verkleinert werden. Im Moment stellt sie zwanzig Prozent der Studienanfänger.

          Weitere zwanzig Prozent der Plätze gehen an die Abiturbesten. Sechzig Prozent werden im Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben, das ebenfalls die Abiturnote stark gewichtet, aber auch andere Kriterien, etwa den TMS oder gesellschaftliches Engagement einbezieht. Der Ansturm auf das Medizinstudium führte dazu, dass diejenigen, die in der Abiturbestenquote zugelassen werden, derzeit in der Regel ein 1,0-Abitur haben müssen. Daten der Medizinerfakultäten belegen immerhin, dass die wegen guter Abiturnoten ausgewählten Medizinstudenten im Studium stets am besten abschneiden. Studenten, die ihren Platz über die Wartezeit erhielten, studieren dagegen länger, erzielen schlechtere Resultate und brechen das Studium häufiger ab.

          Auch das Gewicht der Abiturnote soll nach den Vorstellungen der Hochschulmedizin künftig abgeschwächt werden. Jeder Bewerber soll einen Eignungstest ähnlich dem TMS ablegen. Auch mit einem 1,7-Abitur hat man dann eine gute Chance auf einen Studienplatz. Mit dem TMS lässt sich das Lösungsvermögen bei naturwissenschaftlichen Problemen einschätzen.

          „Medizinstudium light“?

          Der Ärzteverband Marburger Bund will außerdem die Zahl der Studienplätze um mindestens zehn Prozent erhöhen. Nach der Wiedervereinigung seien die Studienplätze der DDR „durch den Rost gefallen“, sagt Andreas Botzlar, Chirurg und Zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes. „Dabei ist die Bevölkerung gewachsen und auch älter geworden. Zudem wollen immer mehr Ärzte, Frauen wie Männer, in Teilzeit arbeiten. Mit der jetzigen Studienplatzkapazität lässt sich der Bedarf nicht mehr decken.“

          Der Marburger Bund befürchtet, dass ohne Aufstockung immer mehr Bewerber zu gebührenpflichtigen „Medical Schools“ abwandern, die im Ausland, etwa in Ungarn oder Rumänien, ansässig sind, aber Niederlassungen in Deutschland gegründet haben. Ob so durch die Hintertür ein „Medizinstudium light“ mit unzureichender Qualitätssicherung Einzug hält, wird in der deutschen Ärzteschaft seit langem debattiert.

          Andere Schlupflöcher sollen nach den Reformpapieren ohnehin endgültig geschlossen werden. Eine „Landarztquote“, also eine Bevorzugung von Bewerbern mit schlechterem Abitur, die zusichern, nach ihrem Examen in ländlichen Gegenden als Allgemeinmediziner zu praktizieren, lehnen alle Akteure ab. „Mit achtzehn kann niemand endgültig abschätzen, in welcher Form er den Arztberuf später ausüben wird“, sagt Botzlar. Sein Verband spricht sich auch dagegen aus, in das Praktische Jahr vor dem Examen ein allgemeinmedizinisches Pflichtquartal aufzunehmen. Stattdessen müsse investiert werden, um die Tätigkeit als Landarzt attraktiver zu machen, etwa durch neue Organisationsmodelle wie ambulante Zentren, in denen mehrere Ärzte zusammenarbeiten.

          Soziale Kompetenz statt 1,0-Abi

          In einer zentralen Frage sind sich die Verbände ebenfalls einig. Das Problem der Klageverfahren, mit denen sich jedes Jahr etliche Abiturienten einen Medizinstudienplatz beschaffen, muss gelöst werden, und zwar mit oberster Priorität. Die Deutsche Hochschulmedizin fordert ein rigoroses Ende der Klagen. Der Marburger Bund gibt sich hier toleranter, ihm geht es insbesondere um das Problem der „Teilstudienplätze“: Wer sich in das Medizinstudium „einklagt“, weist den Fakultäten nach, dass sie weniger Studenten zulassen, als sie Kapazitäten haben. In vielen Fällen erhalten die Kläger dann nur einen „Teilstudienplatz“ für die ersten zwei Jahre bis zum Physikum, weil nur in der sogenannten „Vorklinik“ genug Studienplätze vorhanden sind. Haben diese Kläger nach zwei Jahren ihr Physikum bestanden, dürfen sie nicht weiterstudieren, sondern müssen sich oft jahrelang um einen Platz im klinischen Studienabschnitt an anderen Fakultäten bewerben.

          Für die Frankfurter Erstsemester ist der klinische Teil noch fern. Dass eine umfassende Studienreform ansteht, wissen die meisten nicht, begrüßen es aber. „Das jetzige Verfahren ist nicht fair“, sagt Bianca. „Im Arztberuf geht es nicht nur darum, gut lernen zu können, sondern auch um soziale Kompetenz.“ Ihre Sitznachbarin Franziska fügt hinzu: „In meiner Klasse haben einige ein 1,0-Abi bekommen und gesagt: ,Dann studier ich eben Medizin.‘ Sie machen es aber nur, weil sie es mit ihrer Note eben studieren können, nicht, weil sie es wirklich wollen.“

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