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Amerikanische Universitäten : Der neue Schlachtruf gegen Ungleichheit

  • -Aktualisiert am

Die Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts. Hier wurde Professoren nun verboten mit Studierenden anzubandeln. Bild: AP

An amerikanischen Universitäten grassiert die sexuelle Paranoia. Universitäten und Professoren müssen sich heftiger Kritik erwehren. Hinter der Hysterie steht die Idee des Studenten als Kunde.

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          Die Universität, Bastion des progressiven Amerikas, nimmt in Fragen der politischen Korrektheit und sozialen Gerechtigkeit gewöhnlich eine Vorreiterrolle ein. Beim Schutz von Minderheiten machte sie vor, was Unternehmen und Regierung bisher nicht fertigbrachten. Doch die letzten Jahre haben diesem Bild einige Kratzer zugefügt. Skandale um vertuschte Vergewaltigungen auf dem Campus und Debatten um Gleichberechtigung und sexuelle Belästigung ließen die Universitäten plötzlich alt aussehen.

          Als Harvard seinen Professoren vor wenigen Wochen das Anbandeln mit Studentinnen und Studenten verbot, überboten sich die Medien mit hämischen Kommentaren. Die Universität, so scheint es vielen Amerikanern, hinkt mittlerweile Unternehmen wie Starbucks und Google hinterher. Ein Stück weit stimmt das sicher. Trotzdem ist das, was wir derzeit an amerikanischen Universitäten erleben, keine Spätfolge der Bürger- und Frauenrechtsbewegung, sondern der Einzug eines neuen Menschenbildes ins akademische Biotop. Dieses Menschenbild ist in der Privatwirtschaft zu Hause, und es wird von Beraterfirmen und Managementtrainern in die Universitäten importiert.

          Ökonomisierung des Geschlechterdiskurses

          Am deutlichsten macht sich dieser Übergang im Geschlechterdiskurs bemerkbar. Die Feministin Laura Kipnis, Professorin an der Northwestern University in Chicago, schrieb vor kurzem von einer „sexuellen Paranoia“, die an den Colleges Einzug gehalten habe. Verantwortlich sei, so Kipnis, der explodierende Verwaltungsapparat, der die Studenten immer mehr bevormunde, weil er nur damit seine Existenz rechtfertigen könne. Es sind aber auch Eltern und Studenten, die immer mehr Betreuung verlangen. Die Universitäten kommen ihrem Wunsch nach. Die Ökonomisierung des Geschlechterdiskurses grassiert an allen Universitäten. Die Studenten benutzen das neue Vokabular genauso wie die Verwaltung und die Eltern. Um Diskriminierung geht es nicht mehr. „Check your privilege“ ist der neue Schlachtruf, mit dem Studenten Ungleichbehandlung angehen.

          Früher ging es in der Gerechtigkeitsdebatte um Möglichkeiten, die Frauen, Schwarzen, Schwulen nicht offenstanden und die ihnen auf geheimnisvolle Weise vorenthalten blieben, wenn sie sich um sie bewarben. Die Logik des „Privilege“ funktioniert anders. Es geht hier nicht um Rechte, die nicht wahrgenommen werden können, sondern um Gelegenheiten, die dem Individuum entgehen. Wenn Frauen bei jedem Vorstellungsgespräch, jeder Sprechstunde, jeder Konferenz einen gewissen Prozentsatz ihrer Energie darauf verwenden müssen, nicht zu forsch, zu mausig, zu sexy, zu bräsig daherzukommen, ein Mann dagegen nicht, dann macht sich dieser Unterschied auf lange Sicht rein statistisch in Besoldung und beruflichem Aufstieg bemerkbar. Diskriminierung geht von dramatischen und offensichtlichen Momenten aus und macht diese für Ungleichheiten verantwortlich. Die Logik des „Privilege“ ist panoptisch. Das ist einerseits gut, denn es schärft den Blick dafür, dass Ungleichheit trotz des Ausbleibens solcher dramatischen Situationen nicht verschwindet.

          Das System Universität fungiert als Alibi für den Einzelnen

          Weniger offensichtlich ist jedoch, dass hier nicht mehr, wie im Diskriminierungsdiskurs, das Menschenbild des Humanismus Pate steht. Dieses besagte: Diskriminierung hält den Menschen davon ab, sich frei zu entwickeln, und ist schon deshalb falsch. Die Idee des „Privilege“ bezieht ihr Menschenbild aus der Begrifflichkeit des Humankapitals. Seine Zielvorstellung ist ein Idealmensch, der hundert Prozent seines Potentials verwirklichen könnte. Privilegien stehen dieser Vollverwertung im Weg. Das Ideal ist ein negatives: Der weiße, wohlhabende Mann kann über Potentiale verfügen, die andere für ihre bloße Existenz als Frau, Schwarzer, Schwuler aufwenden müssen. Dahinter steht der Wunsch nach Optimierung. Der Mensch ohne Handicap ist sowohl das Schreckgespenst als auch die geheime Hoffnung.

          Mittlerweile werden auch Gerichtsklagen aus dem Geist des „Privilege“ begründet, etwa wenn Studenten den Universitäten vorwerfen, nicht genug gegen Vergewaltiger auf dem Campus unternommen zu haben. Insbesondere das sekundäre Trauma, dem Peiniger immer wieder begegnen zu müssen, betrüge die jungen Frauen um ihre akademische Zukunft, Tag um Tag, Semester um Semester, wofür die Universitäten jetzt aufkommen müssten. Paradoxerweise bleiben die Täter selbst dabei weitgehend unbelangt. Vor ein Gericht kommen sie nur selten. Auch am System der Burschenschaften, das die Taten zumindest begünstigt, wird nur halbherzig gerührt. Das System Universität fungiert als Alibi für den Einzelnen. Aller Zorn richtet sich gegen die vermeintlich übermächtige Institution, die mehr gegen „Rape Culture“ tun müsste.

          Auch hier steht das neoliberale Denken Pate, allerdings nicht mehr in der Logik des Dienstleisters, sondern in der des Kunden. Auf der einen Seite stehen die schutzlos ausgelieferten Studenten, eminent verwundbar in ihrem Potential, und berechtigt, einzuklagen, wofür sie bezahlt haben. Auf der anderen Seite die übermächtigen Professoren, vor deren Übergriffigkeit die Studenten per Dekret geschützt werden müssen. Wir Professoren wundern uns: Dem Professorat geht zunehmend Autonomie verloren, das System der „Tenure“ bröckelt, aber in der Folklore zwirbeln wir die Schnurrbärte und brechen die Herzen.

          Studenten sehen sich als Kunden

          Generell haben amerikanische Studenten einen enormen Einfluss auf die Universität. Wenn die Gebührenzahlungen von Eltern und Spendengelder der Alumni gegen Professorenmeinung stehen, gewinnt fast immer das Geld. Amerikanische Studenten stehen unter großem Leistungsdruck, ihre Berufschancen haben sich infolge der Krise eingetrübt, und sie ächzen unter immensen Schulden. Das Studium in Stanford kostet mittlerweile fast sechzigtausend Dollar im Jahr. Studenten sehen sich als Kunden, die einerseits immer recht haben und die andererseits immer Hilfe benötigen und nie genug erhalten. Wir Professoren sind angehalten, sie einerseits wie Dreißigjährige zu behandeln, andererseits wie Zehnjährige. Was wir nicht dürfen, ist sie als die behandeln, die sie sind: Zwanzigjährige, die sehr viel wissen, aber sehr vieles nicht wissen; denen man gewisse Entscheidungen überlassen sollte, andere aber nicht. Eigentlich ist das College eine ideale Schule des Erwachsenwerdens. Man macht Fehler, man erduldet die Konsequenzen, man erstreitet sich Recht.

          Problematisch ist heute der strategische Umgang mit diesen Vorrechten. Unsere Studenten sind erwachsen, wenn es ihnen zum Vorteil gereicht, und Kinder, wenn das für sie besser ist. Wir haben erst jüngst wieder erfahren, wie variabel Alter in den Vereinigten Staaten ist. Als Tamir Rice, ein zwölfjähriger Junge in Cleveland, von einem Polizisten auf einem Spielplatz erschossen wurde, brachte das Cleveland Police Department als Entschuldigung vor, Rice sei „kein kleines Kind“ gewesen, er sei ja immerhin fast 1,70 Meter groß gewesen. Für fast jeden angeklagten Vergewaltiger unter den Studenten (im Durchschnitt acht Jahre älter als Tamir Rice) findet sich dagegen ein Elternteil, der den Täter als „a good kid“ beschreibt. Schwarzen, armen und generell unterprivilegierten Kindern spricht man immer früher Reife zu, während College-Studenten viel länger als zuvor als Kinder behandelt werden. Die Idee des „Privilege“ gibt die Mittel, das Recht auf Unreife einzuklagen.

          Um es klar zu sagen: Natürlich geht es bei all dem auch um reale Probleme. Natürlich haben Universitäten das Problem der Vergewaltigungen viel zu lange ignoriert, natürlich sollte Harvard seine Professorenschaft davon abhalten, sich mit Studenten einzulassen. Aber unter dem Druck eines Menschenbildes, das den taktischen Umgang mit Unreife belohnt, droht das College-System einen seiner großen Vorteile zu verkaufen: den Anspruch, nicht nur zu lehren, sondern auch Reife zu vermitteln.

          Adrian Daub ist Professor für Germanistik in Stanford.

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