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Amerikanische Universitäten : Der neue Schlachtruf gegen Ungleichheit

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Mittlerweile werden auch Gerichtsklagen aus dem Geist des „Privilege“ begründet, etwa wenn Studenten den Universitäten vorwerfen, nicht genug gegen Vergewaltiger auf dem Campus unternommen zu haben. Insbesondere das sekundäre Trauma, dem Peiniger immer wieder begegnen zu müssen, betrüge die jungen Frauen um ihre akademische Zukunft, Tag um Tag, Semester um Semester, wofür die Universitäten jetzt aufkommen müssten. Paradoxerweise bleiben die Täter selbst dabei weitgehend unbelangt. Vor ein Gericht kommen sie nur selten. Auch am System der Burschenschaften, das die Taten zumindest begünstigt, wird nur halbherzig gerührt. Das System Universität fungiert als Alibi für den Einzelnen. Aller Zorn richtet sich gegen die vermeintlich übermächtige Institution, die mehr gegen „Rape Culture“ tun müsste.

Auch hier steht das neoliberale Denken Pate, allerdings nicht mehr in der Logik des Dienstleisters, sondern in der des Kunden. Auf der einen Seite stehen die schutzlos ausgelieferten Studenten, eminent verwundbar in ihrem Potential, und berechtigt, einzuklagen, wofür sie bezahlt haben. Auf der anderen Seite die übermächtigen Professoren, vor deren Übergriffigkeit die Studenten per Dekret geschützt werden müssen. Wir Professoren wundern uns: Dem Professorat geht zunehmend Autonomie verloren, das System der „Tenure“ bröckelt, aber in der Folklore zwirbeln wir die Schnurrbärte und brechen die Herzen.

Studenten sehen sich als Kunden

Generell haben amerikanische Studenten einen enormen Einfluss auf die Universität. Wenn die Gebührenzahlungen von Eltern und Spendengelder der Alumni gegen Professorenmeinung stehen, gewinnt fast immer das Geld. Amerikanische Studenten stehen unter großem Leistungsdruck, ihre Berufschancen haben sich infolge der Krise eingetrübt, und sie ächzen unter immensen Schulden. Das Studium in Stanford kostet mittlerweile fast sechzigtausend Dollar im Jahr. Studenten sehen sich als Kunden, die einerseits immer recht haben und die andererseits immer Hilfe benötigen und nie genug erhalten. Wir Professoren sind angehalten, sie einerseits wie Dreißigjährige zu behandeln, andererseits wie Zehnjährige. Was wir nicht dürfen, ist sie als die behandeln, die sie sind: Zwanzigjährige, die sehr viel wissen, aber sehr vieles nicht wissen; denen man gewisse Entscheidungen überlassen sollte, andere aber nicht. Eigentlich ist das College eine ideale Schule des Erwachsenwerdens. Man macht Fehler, man erduldet die Konsequenzen, man erstreitet sich Recht.

Problematisch ist heute der strategische Umgang mit diesen Vorrechten. Unsere Studenten sind erwachsen, wenn es ihnen zum Vorteil gereicht, und Kinder, wenn das für sie besser ist. Wir haben erst jüngst wieder erfahren, wie variabel Alter in den Vereinigten Staaten ist. Als Tamir Rice, ein zwölfjähriger Junge in Cleveland, von einem Polizisten auf einem Spielplatz erschossen wurde, brachte das Cleveland Police Department als Entschuldigung vor, Rice sei „kein kleines Kind“ gewesen, er sei ja immerhin fast 1,70 Meter groß gewesen. Für fast jeden angeklagten Vergewaltiger unter den Studenten (im Durchschnitt acht Jahre älter als Tamir Rice) findet sich dagegen ein Elternteil, der den Täter als „a good kid“ beschreibt. Schwarzen, armen und generell unterprivilegierten Kindern spricht man immer früher Reife zu, während College-Studenten viel länger als zuvor als Kinder behandelt werden. Die Idee des „Privilege“ gibt die Mittel, das Recht auf Unreife einzuklagen.

Um es klar zu sagen: Natürlich geht es bei all dem auch um reale Probleme. Natürlich haben Universitäten das Problem der Vergewaltigungen viel zu lange ignoriert, natürlich sollte Harvard seine Professorenschaft davon abhalten, sich mit Studenten einzulassen. Aber unter dem Druck eines Menschenbildes, das den taktischen Umgang mit Unreife belohnt, droht das College-System einen seiner großen Vorteile zu verkaufen: den Anspruch, nicht nur zu lehren, sondern auch Reife zu vermitteln.

Adrian Daub ist Professor für Germanistik in Stanford.

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