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Pränataltests : Perfektion liegt in der Luft und im Blut

Ethisch heikel: Durch neue Pränataltests wird es vielleicht bald keine Kinder mehr mit Trisomie 21 geben. Bild: AFP

Die Selektion wird zur einfachsten Sache der Welt: Eine „Flut“ neuer Pränataltests rollt heran. Genetische Störungen wie das Down-Syndrom können jetzt so schnell wie nie erkannt werden. Doch welche ethischen Implikationen hätte das?

          3 Min.

          Ein einziger Tropfen mütterliches Blut genügt. Kein Einstich durch die Bauchdecke, keine Kanüle durch den Muttermund. Nichts, was die Schwangere beunruhigen müsste. Das Wort Risiko wird gar nicht mehr fallen. Der Pränataltest wird von nun an der einfachste Vorgang von der Welt, verspricht Philippos Patsalis vom Zypriotischen Institut für Neurologie und Genetik in Nikosia. Jedes Genlabor der Welt werde diesen schnellen und unkomplizierten Test vornehmen können. Es ist weltweit der erste Test, so rühmt sich Patsalis in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Nature Medicine“, der „mit hundertprozentiger Sicherheit und Spezifität jede normale Schwangerschaft und jeden Fötus mit Down-Syndrom erkennen kann“.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Neun von zehn Frauen entschieden sich für die Abtreibung

          Ist das also schon die Vorhut jener „Flut von neuen Gentests an Föten“, von der Henry Greely kürzlich in einem geradezu beschwörenden Ton in der großen Schwesterzeitschrift „Nature“ schrieb? „Bereitet euch vor“, rief er dem wachsenden Volk der Biomediziner, Ärzte, Ethiker und Biopolitiker zu, die er noch blind wähnt für das „Gespenst der Eugenik“, das hinter den Fachdiskussionen lauert. Greely ist Jurist an der ehrenwerten Stanford Law School. Ein kühler kalifornischer Analytiker. Kein Pro-Life-Anhänger, der die in diesen Tagen neuformierte Präsidenten-Ethikkommission zum Kreuzzug gegen die Gen-Industrie gewinnen will, sondern ein praktischer Kopf. Für ihn liegt völlig klar auf der Hand, was jetzt kommt - fünfundfünfzig Jahre nach den ersten Pränataltests. Hinter uns liegen Jahrzehnte, in denen vor allem Frauen im Alter von mehr als 35 Jahren und Paare in Risiko- und Abwägungsdiskussionen mit ihren Gynäkologen gefangen waren.

          Auf der einen Seite das Risiko einer möglichen - aber keineswegs sicheren - schweren Behinderung des Kindes, etwa durch überzählige Chromosomen wie im Fall des Down-Syndroms, bekannt auch als Trisomie 21. Auf der anderen Seite das Risiko einer Fehlgeburt. Denn die fötalen Zellen, die der Mediziner zur endgültigen Abklärung des Genomstatus benötigt, werden bisher aus dem Bauch der Schwangeren buchstäblich abgesaugt. Entweder direkt an der Plazenta oder aus dem Fruchtwasser - jedenfalls immer eingreifend, „invasiv“, wie der Mediziner sagt. In ein bis fünf Prozent der Fälle, je nach Alter und medizinischer Vorgeschichte der Frau, endete der Eingriff mit einer Fehlgeburt. Neun von zehn Frauen, die dieses Risiko auf sich genommen und das Ergebnis Down-Syndrom erhalten haben, entschieden sich für die Abtreibung. Aber längst nicht alle haben sich für den riskanten Eingriff entschieden.

          Das Schweigen brechen und zwar sofort

          Diese letzte Hürde, vermutet Greely, dürfte jetzt reihenweise in den Köpfen kippen. „Nichtinvasive Pränataltests“ unterschiedlichster Machart stehen vor der Einführung. Nicht nur schwere Chromosom-Anomalien wie das Down-Syndrom will man qua Selektion an die Schwelle zur Ausrottung im Genpool des Homo sapiens bringen. Hunderte, ja Tausende Einzelmerkmale im Genom können über kurz oder lang in einem Zug ermittelt werden. Bisher ließen sich bestenfalls zwei Defekte pro Probe analysieren. Submikroskopisch kleine Schnipsel aus dem Genom des Embryos, die schon in den allerersten Schwangerschaftswochen mit ein paar Zellen die Plazenta passiert haben und in den mütterlichen Blutkreislauf gelangt sind, reichen für die neuen Multigentests aus. Sie in dem Genschnipsel-Wust des mütterlichen Blutes ausfindig zu machen und herauszufiltern war noch vor ein paar Jahren ein kühner Traum. Heute findet man genug davon in zehn Millilitern Blut der Schwangeren - mit Apparaten, die in jedem durchschnittlichen Genlabor stehen. Sprunghaft, von hunderttausend auf drei Millionen, könnte damit die Zahl der fötalen Gentests allein in Amerika steigen.

          Und was soll der Arzt tun? So fragt Greely in seinem öffentlichen Mahnschreiben. Soll er sich gegen die Flut stemmen und in Kauf nehmen, dass „er nach der Geburt eines behinderten, im Nachhinein unerwünschten Kindes in Haftung genommen wird“, weil die Eltern sich nicht ausreichend über die einfache Selektion via Bluttest in den ersten elf Wochen aufgeklärt fühlten? Greelys dringendes Gesuch: das Schweigen brechen und zwar sofort. „Es liegt doch auf der Hand. Je besser wir uns vorbereiten, ums größer unsere Chance, dass der gröbste Missbrauch verhindert wird.“ In Berlin veröffentlicht heute der Deutsche Ethikrat seine Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik.

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