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Plagiatsfall Steinmeier? : Auf die Anklagebank gehört der Ankläger

  • -Aktualisiert am

Frank-Walter Steinmeier: Gejagt von den Plagiatsjägern, im Gespräch als Finanzminister Bild: REUTERS

Hunderte Plagiate soll die Dissertation von Frank-Walter Steinmeier enthalten - stellt eine Software fest. Wer die Doktorarbeit kritisch liest, kommt zu einem völlig anderen Ergebnis.

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          Dieser Schuss fiel aus unerwarteter Richtung. Plagiatsvorwürfe kamen bislang aus der Wissenschaft, so die Vorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg, oder aus teilweise anonymen Internetforen wie VroniPlag. Beide beanspruchen, zivilgesellschaftlich für das Gemeinwohl aktiv zu sein. Klar war, in einem Vorwurf gegen einen Politiker spielte immer auch Parteipolitik mit. Nur kommerzielle Vorteile verfolgte bislang kein Plagiatsjäger, abgesehen vielleicht von einem Interviewhonorar.

          Anders sieht das Uwe Kamenz, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing an der Fachhochschule Dortmund und nebenbei Leiter des privaten ProfNet Instituts für Internet-Marketing e.V. in Münster. Im Herbst 2012 rief er die Aktion „Plagiatfreies Deutschland“ ins Leben, mit der er für seine leistungsfähige Software zur Plagiatsaufdeckung wirbt. Studierende können ihre Abschlussarbeiten kostenlos testen lassen, wobei Sponsoren die Kosten von 500 Euro bei Fachhochschul- und 1500 Euro bei Universitätsabsolventen übernehmen. Dem Professor geht es nebenamtlich um Kommerz.

          Der Schuss geht nach hinten los

          Die Aktion zündete wohl marketingmäßig nicht richtig. Denn eine Woche nach der Bundestagswahl rief ProfNet die Bürger zur Mithilfe - Informationen, Zeit, Geld - dabei auf, Doktorarbeiten der Mitglieder des neuen Bundestages auf Plagiate zu untersuchen. Dazu sei jede Arbeit mit mindestens zehn der im Literaturverzeichnis genannten Quellen elektronisch zu vergleichen. Und weil auch das wohl noch nicht zünden wollte, schritt ProfNet zu etwas, was VroniPlag nach Vorprüfung schon 2011 als unergiebig abgelehnt hatte: Es untersuchte die 1992 erschienene Doktorarbeit von Frank-Walter Steinmeier. Heraus kam, rechtzeitig zu den Koalitionssondierungen, ein auf der ProfNet-Internetseite zugänglicher, 279 Seiten dicker Backstein: „ProfNet PlagiatService Prüfbericht 8048“ vom 27. September 2013.

          Wer die Doktorarbeit selbst zur Hand nimmt, ahnt, dass das ein gleich mehrfach schwieriges Unterfangen gewesen sein dürfte. Steinmeiers Buch „Bürger ohne Obdach“ zielt, zur Zeit der deutschen Vereinigung und der damit verbundenen Diskussion über eine Grundgesetzreform, darauf, ein Recht auf Wohnraum in die Verfassung aufzunehmen. Die Obdachlosigkeit war rechtswissenschaftlich eher Neuland und der Zugang juristisch originell. Die Arbeit spannt einen großen Bogen vom Polizeirecht des 19. Jahrhunderts zu einem sozialstaatlichen Grundrecht am Ende des 20. Jahrhunderts. Den starken öffentlich-rechtlichen Kern ummantelt eine Aufarbeitung des Stands der sozialwissenschaftlichen Obdachlosigkeitsforschung. Dass die Arbeit weiterhin aktuell ist, zeigt ein Blick in jeden deutschen Bahnhof, aber auch das wohnungspolitische Programm der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe e.V., in dem noch heute auf diese Grundgesetzänderung gedrungen wird.

          Beträchtliche Quellensammlung

          Diese Forschungsleistung Steinmeiers kommt mit 395 Seiten Haupttext und 48 Seiten Literatur- und Abkürzungsver-zeichnis daher. Sechs Kapitel Text sind untermauert mit 1456 Fußnoten, von denen nur 18 keine Literaturhinweise oder Fundstellen von Gesetzestexten oder Gerichtsurteilen enthalten. Die Fußnoten füllen im Schnitt mehr als ein Drittel einer Seite.

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