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Plagiatsfall Steinmeier? : Auf die Anklagebank gehört der Ankläger

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Die Doktorarbeit entstand zudem im Vor-Computer-Zeitalter. Steinmeier diktierte sie wohl auf Grundlage handschriftlicher Entwürfe. Er dankt im Vorwort der Gießener Lehrstuhlsekretärin dafür, dass sie sich „durch viele Kilometer Diktat-band gequält hat“. Damals gab es weder ungelesenes, unverstandenes „Copy & Paste“ noch die Chance zu x-facher Überarbeitung. Das Diktierte musste sitzen. Nachträgliche Verbesserungen blieben meist auf Tippfehler begrenzt.

Steinmeier hat offenbar viele Quellen verarbeitet, aber etliche sind nicht im Internet, andere wiederum, insbesondere Gesetzes- und Urteilstexte, fast vollständig. So muss nicht nur die Doktorarbeit gescannt und ihr Text herausgezogen werden. Auch die Quellen bedürfen solcher Bearbeitung, während Gesetzes- und Urteilstexte wiederum unberücksichtigt bleiben müssen: Denn das Zitieren etwa eines Grundgesetzartikels ist kein Plagiat.

Zu Ernst Bloch vgl. Helmut Kohl

Steinmeier hat zudem etwas getan, was heute allen Nachwuchsforschern geraten wird. Er hat drei Jahre vor Druck der Doktorarbeit erste Überlegungen in der Zeitschrift „Kritische Justiz“ veröffentlicht. So wird der Nachwuchs in der Wissenschaft bekannt und lädt zur Diskussion seiner Thesen ein, die wiederum der Doktorarbeit zugute kommt. Die Promotionsordnungen vieler Universitäten erlauben das ausdrücklich. Auch veröffentlichte Arbeiten oder Arbeitsteile dürfen als Doktorarbeit eingereicht werden. Untersagt ist meist, schon als Prüfungsarbeit verwendete Texte erneut einzureichen, also eine Magisterarbeit wieder als Doktorarbeit bewerten zu lassen.

Trotz aller Schwierigkeiten erscheint der Prüfbericht zunächst gewichtig und beeindruckend: 279 Seiten Bericht mit 268 plagiatsverdächtigen Textstellen, davon 163 im Haupttext und 105 in den Fußnoten. Ampelfarben bewerten die Schwere des Verdachts. Von den 268 verdächtigen Stellen sind eine rot, 26 gelb und 241 grün. Das Gesamturteil auf Seite 2 ist dennoch „rot“: 63 Prozent Gesamtplagiatswahrscheinlichkeit. Dem Bericht war großes Medienecho sicher.

Lässt man sich nicht vom Berichtsbackstein und von mathematischer Pseudogenauigkeit blenden und wühlt sich tagelang durch Prüfbericht, Doktorarbeit und Quellen, verblüffen die Ergebnisse: Von 163 Plagiatsverdachtsstellen im Haupttext erweisen sich nicht weniger als 50 als Gesetzestexte und Urteilsauszüge mit entsprechenden Fundstellen in den Fußnoten oder als schlichte Redewendungen. Die Software findet natürlich andere Bücher oder Aufsätze, die vor 1992 diese Urteile oder Gesetze zitiert haben und schlussfolgert messerscharf, Steinmeier habe dort abgeschrieben. Die unbestrittene Spitzenleistung insoweit findet sich auf Seite 78 des Prüfberichts: Dort wird unter anderem behauptet, den Satzeinschub - „um mit Ernst Bloch zu sprechen“ - auf Seite 149 der Arbeit habe Steinmeier nirgends anders als aus der Regierungserklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl am 13. Oktober 1982 abgeschrieben.

Weitere 48 der behaupteten Plagiatsfälle sind Zitate fremder Quellen, die in den Fußnoten am Zitatende seitengenau nachgewiesen werden, bei denen Steinmeier allerdings schludrigerweise keine Gänsefüßchen im Text gesetzt hat. Interessanterweise finden sich diese Stellen nicht im juristischen Hauptteil, also in Kapitel IV von Seite 110 bis 264, sondern in der sozialwissenschaftlichen Ummantelung zu Beginn der Arbeit und ab Seite 265. Zwanzig der behaupteten Plagiatsfälle sind ferner gemeinsame dritte Fundstellen: Steinmeier zitiert eine ältere Quelle und weist sie in der Fußnote nach. Diese Quelle wird dann auch anderwärts benutzt, was von der Software nun irrtümlich als Plagiatsquelle aufgefasst wird.

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