https://www.faz.net/-gqz-8okfv

Pick-Up-Artists : Geraubte Küsse auf dem Campus

  • -Aktualisiert am

Berührt, geführt: Dustin Hoffmann und Anne Bancroft in „Die Reifeprüfung“ von Mike Nichols Bild: ddp Images

Studenten, die sich nicht trauen, werden von den Pick-up- Artists zu verwegenen Draufgängern gemacht. Antifeministische Verschwörungstheorie und Ratgeber-Mystik bilden eine unappetitliche Allianz.

          5 Min.

          Wer qua Geschlecht keinen Zutritt zum Abschleppkurs bekommt, darf sich mit einem Ratgeber begnügen. Der ist im Fall von „Der perfekte Eroberer“ immerhin wesentlich günstiger. „Wie Sie garantiert jede Frau verführen - die bessere Strategie“, verspricht der Untertitel des Buchs von Maximilian Pütz und Arne Hoffmann seiner männlichen Zielgruppe. Lebenshilferatgeber sind längst keine reine Frauenlektüre mehr, hat der Soziologe Fehmi Akalin festgestellt. Verführungsanleitungen für den Mann überschwemmen heute regelrecht den Markt.

          Männer und ihre Krise sind das Thema des einen Autors, Arne Hoffmann, der sich selbst als „linker Maskulinist“ bezeichnet, unter anderem über häusliche Gewalt gegen Männer bloggt und in einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung als Vordenker der antifeministischen Männerrechtsbewegung bezeichnet wird. Männer und ihre Unzulänglichkeiten in Verführungsdingen sind die Spezialität des anderen: Maximilian Pütz ist Verführungscoach oder Pick-up-Artist, wie sich die Szene selbst ästhetisch wertsteigernd nennt. Die Verführungskunst soll man durch die Techniken erlernen, die Pütz und Kollegen in Ratgebern, Blogs und Vlogs vorstellen oder in teuren Seminaren an den Mann bringen. Die Agentur von Pütz heißt Casanova Coaching. Sie bietet zweitägige Workshops in der Gruppe (ab 450 Euro) oder Einzelcoachings (1499 Euro) inklusive eines betreuten Feldversuchs. Auf Deutsch: Aufreißkurse.

          Vom netten Jungen zum Superverführer

          Das Phänomen lässt sich als Ausdruck der Risikogesellschaft interpretieren. In einer Zeit, in der Beziehungen immer brüchiger und serieller werden, sollen die Unsicherheiten auf dem Liebesmarkt unter Kontrolle gebracht und die erotische Leistung optimiert werden. Mit biographisch verbürgtem Erfolgsversprechen: Maximilian Pütz wuchs ohne Vater bei einer dominanten Mutter auf und war als Jugendlicher bei Frauen wegen seines „Der nette Typ von nebenan“-Images zunächst chancenlos. Dann hatte Pütz „keinen Bock mehr, süß und nett zu sein“. Es folgt die Entwicklungsgeschichte zu Deutschlands angeblichem Superverführer.

          Konversionsgeschichten „ehemaliger Nice Guys“ gehören laut Fehmi Akalin zu den „Meistererzählungen“ dieses Genres, gewürzt mit einem Mischmasch aus neurolinguistischen Erkenntnissen und soziobiologischen Mutmaßungen über das Wesen der Frauen. „Für den Fall, dass sie schwanger in der Höhle sitzt, braucht sie eine gewisse Sicherheit, dass du mit frischer Beute von der Jagd zurückkommst“, zitiert Akalin aus einem amerikanischen Ratgeber. Männer kommen bei den Pick-up-Artists weiter vom Mars und Frauen von der Venus.

          Die Theorie wird in den Pick-up-Kursen offensiv in Einkaufszonen, Clubs und Universitäten erprobt. In Frankfurt berichteten Frauen Anfang des Jahres gehäuft, von Männern auf dem Campus belästigt und bedrängt, offensiv angesprochen und angefasst worden zu sein. Das Muster habe sich verblüffend geähnelt, sagt ein Mitglied der „Fantifa“, einer linken Studentengruppe, bei der sich mehr als fünfzig betroffene Frauen gemeldet haben. Unter der Behauptung, einen Werkzeugkasten zur Verführung parat zu haben, werden Frauen von den Pick-up-Artists zu austauschbaren Waren objektiviert. Der kalifornische Pick-up-Artist Julien Blanc zeigt in einem Video, wie man Japanerinnen mit einem Würgegriff zum Oralsex ermuntert. Proteste und Petitionen folgten. Blanc durfte in Deutschland nicht mehr auftreten.

          Nie mehr Fifi sein

          Die deutschen Pick-up-Artists treten seither harmloser auf und weisen frauenverachtende Haltungen von sich. Laut Akalin kursieren in einschlägigen Internetforen dennoch zweifelhafte Techniken wie Tipps zum Umgang mit „Last-Minute-Resistance“ - wenn die Frau kurz vor dem Sex einen Rückzieher macht. Vorgeschlagen werde zunächst der nonchalante Aufmerksamkeitsentzug: Der Mann solle aufstehen, seine Mails checken und sich ein Sandwich machen. Dann der Tipp: „Versuche es in zehn Minuten noch einmal.“ Nein heißt nein? Anleitung zur Nötigung ist der treffendere Name für diese Art der Verführungskunst.

          Als die „Fantifa“-Gruppe ihre Recherche zum Treiben eines lokalen Pick-up-Artists, der für Casanova Coaching arbeitet, unter Nennung dessen Namens in der Frankfurter Asta-Zeitung veröffentlichte, klagte der Betroffene gegen die Asta-Zeitung und auch gegen diese Zeitung, die über den Fall berichtet hatte. Das Landgericht Köln untersagte der F.A.Z zunächst, den Namen zu nennen, hat inzwischen aber die Entscheidung revidiert. Das Oberlandesgericht Frankfurt sprach eine einstweilige Verfügung gegen die Asta-Zeitung aus mit der Begründung, das Phänomen sei von allgemeiner sozialer Bedeutung - der geforderte Hochschulbezug fehle. Ein Urteil war zum Redaktionsschluss noch nicht gesprochen.

          Die Ursache für den Aufstieg der Pick-up-Artists ist wohl in der vielbeschworenen Krise der Männlichkeit zu suchen. „Männer sind die wahren Verlierer unserer Zeit“, bekunden Pütz und Hoffmann in ihrem Verführungsratgeber. Diese Zeitdiagnose ist spätestens seit dem ersten Pisa-Bildungsbericht im Jahr 2000 und noch mehr seit der Finanzkrise populär. In „Der perfekte Eroberer“ lässt sich das bestens belegen: Männer seien zerrissen zwischen den Ansprüchen ambivalenter Männlichkeitsbilder („zärtlicher Liebhaber und Tier“), gebeutelt von der „Frauen-sind-die-besseren-Menschen-Propaganda“ in Medien und Politik, zugerichtet von den eigenen Partnerinnen, die „als kontrollierende Vodoopriesterinnen“ aus dem Wolf einen „Fifi“ oder einen Löwen im Zoo machten: „ein stolzes, kräftiges Tier, das den Bezug zu seiner Natur verloren hat, kraftlos in der Ecke sitzt und ins Leere guckt“. Und dann wollten „die feministisch beeinflussten Frauen“ mit dem „Monster“, das sie erschaffen haben, „noch nicht einmal vögeln“.

          Feminismus unter Ideologieverdacht

          Ein aggressiver Antifeminismus trifft hier auf archetypische Vorstellungen von „echter“ Männlichkeit, auf Paranoia und Verschwörungstheorie. Thesen von Männlichkeitsforschern wie Walter Hollstein oder Gerhard Amendt, der vor einigen Jahren mit der Forderung auf sich aufmerksam machte, Frauenhäuser als „Hort des Männerhasses“ zu schließen, werden zielgruppenbekömmlich aufbereitet; dezidiert antifeministische männerrechtliche Vereine wie „Agens“ und „Manndat“, in denen Ko-Autor Hoffmann selbst aktiv ist, lobend erwähnt.

          Der Pick-up-Artist Pütz tritt als Sprachrohr einer Szene auf, die nicht müde wird, die Schuld am vermeintlichen Niedergang des Mannes in Bildung, Arbeit und Kultur exklusiv auf Frauen, dominante Mütter und die Frauenbewegung zu schieben. Der Sozialpsychologe Rolf Pohl spricht etwas umständlich von einer „projektiv erzeugten, von starken Affekten begleiteten Feindbilderkonstruktion“. Konstruktiver Austausch über Geschlechterkonflikte in sozialen Umbrüchen, Ungerechtigkeit im Sorgerecht oder Defizite im Bildungssystem werde durch die Abrechnungskampagne mit dem Feminismus verstellt.

          „Feminismus ist zur totalitären Ideologie geworden“, sagt Arne Hoffmann in einem Interview mit der rechtsorientierten „Jungen Freiheit“. Insbesondere die Medien sieht er von Frauen beherrscht. Von den rechtsradikalen Thesen des norwegischen Attentäters Anders Breivik, der von einer „Feminisierung der Kultur“ gesprochen hatte, distanziert sich Hoffmann dezidiert, genauso wie von Teilen der Männerrechtsbewegung, die sich aus seiner Sicht zunehmend rechtslastig präsentiere.

          Polemische Umdeutungen, Verkehrungen und Verkürzungen kursieren aber in vielen Teilen der antifeministischen Männerrechtsewegung. Mit Verweis auf das wahrlich männerfeindliche „Scum“-Manifest der radikalen Feministin Valerie Solanas aus dem Jahr 1967 werden alle Feministinnen als Männerhasserinnen diffamiert. Die kritische Diskussion über diesen in der Frauenbewegung höchst umstrittenen Text wird ausgeblendet.

          Die Kampfbegriffe der Männerrechtsbewegung wabern von den Internetforen auf die Straßen. Anfang Juli wurde ein Amateurvideo auf Youtube hochgeladen: Ein junger Mann kommentiert eine Solidaritätskundgebung in Berlin für das Model Gina-Lisa Lohfink, die zu dem Zeitpunkt einen Prozess wegen Vergewaltigung führte. Die Teilnehmer der Demonstration wollen sich von dem Mann nicht filmen lassen. „Hau ab!“, rufen sie ihm zu. „Feminazis, Feminazis“, ruft der Mann zurück, der in Frankfurt unter seinem Künstlernamen Marko Polo als Pick-up-Artist arbeitet.

          Weitere Themen

          „Es weckt nackte Existenzängste“

          Anzeige gegen Ex-AfD-Sprecher : „Es weckt nackte Existenzängste“

          Die Pro-Sieben-Dokumentation über die extreme Rechte hat bezeugt, wie der frühere AfD-Sprecher Christian Lüth davon redet, Migranten zu „erschießen“ oder zu „vergasen“. Der SPD-Politiker Danial Ilkhanipour erstattet Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Er erläutert seine Gründe.

          Topmeldungen

          Trump und Biden am Dienstag bei der ersten Fernsehdebatte.

          Präsidentenwahlkampf : Trump und die „Proud Boys“

          Donald Trump hatte gehofft, die erste Fernsehdebatte werde die Wende im Präsidentenwahlkampf bringen. Doch sein Auftreten hat das Gegenteil bewirkt – ebenso wie seine Äußerungen zu den „Proud Boys“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.