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Personalisierte Medizin : Auf molekularer Tuchfühlung mit dem Patienten

Maßgeschneiderte Medizin mit Präzisionsinstrumenten: Computertomographie an einer deutschen Klinik Bild: dpa

Die Hochburgen der personalisierten Medizin rüsten auch in Deutschland auf. Die Analyse riesiger Datenmengen soll maßgeschneiderte Therapien ermöglichen. Der gläserne Patient ist so nah wie nie zuvor.

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          Wer heute im Konzert der wissenschaftlichen Medizin mitspielen will, muss gelegentlich auch ein Virtuose im Umgang mit Superlativen sein. „Jeder Patient wird immer einzigartiger“, ist so ein visionärer Satz, der eigentlich einen unmöglichen Akt beschreibt. Lässt sich die Einzigartigkeit des Individuums steigern?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie das Zitat des Ärztlichen Direktors an der Inneren Medizin I im Klinikum Tübingen, Nisar Malek, tatsächlich gemeint ist, wird deutlich, wenn man sich die Pläne des Universitätsklinikums mit seinem neuen „Zentrum für personalisierte Medizin“ genau anhört. Hier entsteht eine aus heutiger Sicht schier unvorstellbare Welt. Da wird der Mensch nicht nur als „einzigartigste“ Person behandelt, nein, mit der neuen Heilkunst bekommt man „die personalisierteste Medizin“, die man sich denken kann. Und nicht nur der Patient wird ein anderer, auch der alte Doktor hat ausgedient. „Wenn wir ehrlich sind, hat der Internist seinen Patienten bisher nicht wirklich gekannt“, sagt Malek.

          Obama stellt große Summen in Aussicht

          Das alles mag bizarr klingen, wenn man von außen auf den Medizinbetrieb blickt. In Wirklichkeit ist der Tübinger Internist Malek nur ein besonders ambitionierter Vertreter jener medizinischen Richtung, die sich ausgehend von der Krebsmedizin flächendeckend durchzusetzen beginnt. Das schlägt sich auch in einer begrifflichen Vieldeutigkeit nieder. Mitunter sprechen Kliniker von individualisierter, Wissenschaftler von zielgerichteter oder maßgeschneiderter Medizin, und gesundheitsaffine Politiker wie der amerikanische Präsident Barack Obama nehmen auch schon mal gern die neueste Variante „Präzisionsmedizin“ in den Mund.

          Das ist ein großes Wort. In seiner „State of the Union“-Rede machte Obama jüngst mehr als klar, für wie zukunftsträchtig er das Konzept der „Präzisionsmedizin“ hält. Im neuen amerikanischen Haushalt werden kurzfristig 215 Millionen Euro für ein Projekt bereitgestellt, „um Krankheiten wie Krebs und Diabetes endlich zu besiegen, und uns wie unsere Familien gesund zu erhalten“. Konkret geht es um 130 Millionen Euro für die National Institutes of Health, die eine nationale Datenbank mit genetischen Profilen und medizinischen Befunden für eine Million Amerikaner enthalten soll. Der Rest geht an das nationale Krebsforschungsinstitut NCI.

          Auch Deutschland rüstet auf

          Gegen solche Brocken erscheinen die gut zwei Millionen Euro, die von der Medizinischen Fakultät Tübingen als Anschubfinanzierung für das erst vor anderthalb Jahren konzipierte Zentrum für personalisierte Medizin (ZPM) in Aussicht gestellt wurden, zwar eine Kleinigkeit. In Wirklichkeit ist die Tübinger Initiative jedoch nicht nur für die fast drei Dutzend deutschen Universitätsklinika ein starkes Signal. Die Forschungshochburgen im Land rüsten massiv auf.

          Durch die Kliniken und Labore zieht ein technologischer Sturm. Es wird vernetzt, was das Zeug hält. Big Data und „Data mining“, die Sammlung und Analyse großer Datenmengen, entscheiden nach Überzeugung von „Systemmedizinern“ wie Malek über die Erfolgsaussichten neuer, molekularbiologisch ausgerichteter Therapien. In Tübingen hat er in kürzester Zeit aus der Plattform „Klinische Forschung“ und den mit der Exzellenzinitiative eingeworbenen Geldern ein Netzwerk aufgebaut, das sich aus der Grundlagenforschung - etwa dem Zentrum für quantitative Biologie - wie den patientennahen Kliniken und Instituten der Universität zusammensetzt. 23 Abteilungen sind es zum Start des ZPM.

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