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Optimierungswahn in der Schule : Anstrengende Eltern, angestrengte Kinder

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Das Erfolgsmantra an den Schulen führt zu Scheinsiegen in der Erziehung von Heranwachsenden. Eltern und Kinder sollten das Scheitern lieber als lehrreiche Erfahrung in der Persönlichkeitsbildung des Einzelnen begreifen.

          Lässt man als Lehrer so manches Elterngespräch innerlich Revue passieren, so drücken immer häufiger Eltern im Blick auf ihre Kinder die Vermutung aus, ob nicht ihr Kind vielleicht zu den wahrhaft Begabten gehört. Dass Schulnoten sich als gänzlich ungeeignet erweisen, dieser Begabung Rechnung zu tragen, versteht sich für sie dabei von selbst.

          Doch umgekehrt gilt eben auch: Nicht jede mangelhafte Zeugnisnote ist ein Beweis für unerkannte Hochbegabung. Die wohl immer noch (eher im ländlichen als im städtischen Raum: weit) überwiegende Mehrzahl der Eltern ist durchaus zu einer Korrektur eigener Vorannahmen bereit, sofern sie Argumente der Lehrkraft hören. Und doch nehmen - wie in anderen „Serviceberufen“ auch - die Schwierigkeiten mit massiv uneinsichtigen „Kunden“ zu.

          Ein Scheitern ist nicht vorgesehen

          Woher kommt dieser vom elterlichen Wollen verklärte unrealistische Blick auf das eigene Kind? Zunächst steht ganz grundsätzlich der Optimierungswahn der Moderne Pate. Überall ist der grotesk überzeichnete und damit widersprüchliche Superlativ zum Signum der Event- und Erfolgskultur geworden: Es muss der „beste Verkehrsservice“ sein, „die Dinge“ müssen „weiter optimiert“ werden, Köche suchen nach dem „perfektesten“ Garzeitpunkt, und mühsam gefundene Lösungen werden sogleich umgangssprachlich als „nicht das Optimalste“ entwertet. Gewiss: „Optimal“ ist stets nur die Durchsetzung der eigenen Interessen ohne Abstriche. Doch gilt nicht nur in der großen Politik, sondern auch im kleinen privaten Umfeld oft genug: Ich will etwas, und am Ende steht ein unbefriedigender Kompromiss.

          Gerade in Zeiten offensiv-aggressiver, weil in unheiliger innerer Symbiose mit ihrem Kind lebender Eltern aber droht die Vernunft phasen- und schubweise nach Schulaufgaben, ja nach schier jeder Leistungsmessung suspendiert zu werden. Das „Projekt Kind“ erlaubt nun einmal prinzipiell kein Scheitern, denn Scheitern ist im System nicht vorgesehen. Damit ist das zweite Problem des heutigen Menschen benannt: Jedes Nicht-Erreichen selbstgesetzter Ziele wird als narzisstische Kränkung verstanden, unbeschadet des realistischen Gehalts des zuvor jeweils gesetzten Zieles.

          Ministerielle Gleichmacherei

          „Setze dir Ziele, und erreiche sie! Tschakka!“ So trommeln die Motivationsgurus von Warnemünde bis zum Bodensee. Übersehen wird dabei, dass die Vergeblichkeit ein Signum des menschlichen Daseins überhaupt ist. Dass kurzfristiges Denken und kurzatmiges Handeln jedes grundsätzliche Nachdenken über die Conditio humana unterbinden, dafür sorgen die Betreuungsideologen von der Krippe über die Frühförderlernpläne der Kindergärten, die Projektwochen der Turboschulen bis zu den Bachelor-Durchlauferhitzern namens Hochschulen. Von den Umstrukturierungskaskaden in den Betrieben und Behörden ganz zu schweigen.

          So werden eben schulisch in ebenso schweißtreibender wie nervtötender und zeitraubender Arbeit gefühlte Myriaden von „Leitbildern“ und „Schulverfassungen“ erstellt, die sich nicht selten auf dem Aussageniveau von „Seid nett zueinander, und werft keine Papierschnipsel auf den Boden!“ bewegen. Dem Entzücken der „Schulfamilie“ und der Werbewirksamkeit tut dies - zugegeben - keinerlei Abbruch.

          Auch der ministerielle Versuch, Restelemente einzelschulischer Anarchie durch Vergleichsstudien, Evaluationsprokrustesbetten und die Ausräucherung kontrollfreier Restresiduen in den Griff zu bekommen, ist sicher notwendig, bleibt aber nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen. Die gestandene Lehrerpersönlichkeit soll sich ja bereits im Referendariat oft genug de facto dadurch auszeichnen, dass mitunter reichlich idiosynkratisch anmutende Vorgaben dieses oder jenes Seminarlehrers punktgenau und bis aufs letzte Semikolon umgesetzt werden.

          Gute Noten für alle

          Als Möhre fürs Wohlverhalten winken gute Noten und damit dauerhafte Karrierechancen bei entsprechenden Examensnoten. Damit soll weder jede Art von Skurrilität verteidigt noch Willkür gerechtfertigt werden. Wer aber landauf, landab das Verschwinden von Persönlichkeiten in schier jedem Lebensbereich beklagt, möge einmal über den skizzierten Widerspruch nachdenken.

          Eltern wiederum nutzen gerne - und auch das mag den Vereinheitlichungsdrang der Schulbehörden erklären - jede vermutete Unterschiedlichkeit von Prüfungsanforderungen in Parallelklassen als willkommenes Zeichen für - je nach Temperament - Protest. Auch im Schulwesen scheint inzwischen in vielen Bundesländern der Geist der verblichenen DDR posthum gesiegt zu haben. Dass jedoch der Vereinheitlichungsoktroi die Schwächeren aufgrund des nunmehr möglichen täglichen Vergleichs etwa im vielbeschworenen schularteinheitlichen „längeren gemeinsamen Lernen“ bis zur 9. Jahrgangsstufe eher in die Verzweiflung als in die Freude treibt, könnte eigentlich hinlänglich bekannt sein.

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